31. Kapitel Ich verbrachte den Samstagabend damit, mein Tagebuch weiter- zuführen. Jetzt konnte ich die losen Enden miteinander verknüp- fen. Die Suche nach Anniston würde keinen Hacker in Alabama aufstöbern. Sie verfehlten ihn um 5000 Meilen. Der Hacker von Stanford war ganz sicher ein anderer Kerl mein Hacker hätte Hausaufgaben in Deutsch, nicht in Englisch. Und es hatte nicht viel Zweck, in Berkeley herumzutelefonieren und jemanden namens Hedges zu suchen. Wahrscheinlich der falsche Name. Ganz sicher der falsche Kontinent. Unser Ausdruckstapel war einen halben Meter hoch. Ich hatte jede Liste sorgfältig geordnet und datiert, aber niemals alle Listen auf einen Satz durchgekämmt. Das meiste davon waren öde Da- teienauflistungen und Passwortrateversuche, immer eines nach dem andern. Ist es leicht, in Computer einzubrechen? Elementar, mein lieber Watson! Elementar und ermüdend stumpfsinnig. Ich kam erst um 2 Uhr morgens nach Hause. Martha hatte gewar- tet und an einer Patchwork-Decke genäht. "Na, noch rumgeflirtet?" "Ja", antwortete ich. "Den lieben langen Tag. " "Also ist der Hacker doch aus Europa. " Sie hatte es erraten. "Er kann überall in der Welt wohnen", sagte ich, "aber ich tippe auf Deutschland. " Ich wollte am Sonntagmorgen richtig ausschlafen, engumschlun- gen mit Martha. Aber, verdammt noch mal, um 10.44 Uhr mel- dete sich mein Piepser, ein grelles durchdringendes Quietschen, gefolgt von einem Morsesignal. Der Hacker war wieder da. In meinem Unix- 5-Computer. Ich rannte ins Eßzimmer und rief Steve White zu Hause an. Wäh- rend sein Apparat klingelte, warf ich meinen Macintosh an. Nach dem fünften Ton antwortete Steve. "Der Hacker ist wieder aktiv, Steve", sagte ich ihm. "Okay, Cliff. Ich starte die Verfolgung und rufe Sie dann sofort zurück. " Ich legte auf und griff sofort nach meinem Macintosh. Das Biest verhielt sich wie ein ferngelenktes Terminal, dank eines Modems und einem Softwareprogramm namens Red Ryder. Red wählte automatisch meinen Laborcomputer an, loggte sich in die VAX ein und zeigte mir, was los war. Da war mein Hacker und bummelte durch das Milnet. Wenn ich so eingeloggt war, erschien ich als normaler Benutzer, also kon te mich der Hacker entdecken, wenn er hinsah. Ich mel- dete mich also rasch ab. 10 Sekunden genügten, um zu sehen, was mein Besucher vor hatte. Steve rief nach ein paar Minuten zurück. Die Leitung lief nicht über ITT; heute kam sie von RCA. "RCA benutzt den Westar-Satelliten nicht", sagte Steve. "Sie nehmen den Comsat-Satelliten. " Gestern nahm er Westar, heute Comsat. Ein Hacker, an den nicht heranzukommen war - von Tag zu Tag wechselte er die Kommunikationssatelliten. Aber da sah ich Fakten falsch, und Steve korrigierte mich. "Ihr Hacker hat gar keine andere Wahl", erklärte Steve. "Um re- duntanten Service zu ermöglichen, benutzen wir verschiedene internationale Strecken. " Bei jedem Anruf nimmt der Datenverkehr von Tymnet eine an- dere Route über den Atlantik. Der Kunde merkt das nie, der Ver- kehr wird jedoch über vier oder fünf Satelliten und Kabel ver- teilt. "Ach, wie der zwischenstaatliche Schwerverkehr vor der Libera- lisierung. " "Bringen Sie mich bloß nicht in Fahrt", sagte Steve ärgerlich. "Sie glauben nicht, was es für Gesetze zur internationalen Kom- munikation gibt. " "Und wo er kommt der Hacker heute?" "Deutschland. Dieselbe Adresse. Derselbe Ort. " Es gab nicht mehr viel zu tun. Ich konnte den Hacker nicht von zu Hause aus überwachen, und Steve hatte die Spur zurückverfolgt. Ich saß fröstelnd am Macintosh. Wohin gehe ich als nächstes? Ins Labor. Und zwar schnell. Ich kritzelte eine Nachricht für Mar- tha (Das Spiel geht weiter.), fuhr in ein Paar Jeans und sprang auf mein Fahrrad. Ich war nicht schnell genug. Der Hacker war verschwunden, fünf Minuten bevor ich angekommen war. Ich hätte im Bett bleiben sollen. Nun, ich blätterte die Liste von Sonntagmorgen durch - Sonntag- abend für ihn - und sah ihn wieder bei seinen alten Tricks. Ver- suchte, in einen Militärcomputer nach dem anderen reinzukom- men, indem er offensichtliche Passwörter riet. Öde. Etwa so inter- essant wie Kombinationen von Zahlenschlössern raten. Wenn er schon morgens aufgetaucht war, konnte ich auch hier warten und sehen, ob er zurückkäme. Nach meiner Statistik mußte er innerhalb einer Stunde oder zwei zurück sein. Tatsächlich kam er um 13.16 Uhr zurück. Mein Piepser meldete sich, und ich rannte in den Schaltraum. Da war er, eingeloggt in das gestohlene Sventek-Konto. Wie gewöhnlich sah er sich nach anderen auf dem Computer um. Wäre ich von zu Hause aus eingeklinkt gewesen, hätte er mich bemerkt. Aber von meiner hohen Ebene im Schaltraum aus war ich nicht zu entdecken. Er konnte meinen elektronischen Schleier nicht lüften. In der Gewißheit, daß keiner ihn beobachtete, strebte er schnur- stracks durch unseren Milnet-Anschluß hinaus. Mit ein paar Be- fehlen durchsuchte er das Milnet-Datenverzeichnis nach Anla- gen mit dem Akronym >COC<. Wie? So ein Wort hatte ich noch nie gesehen. Hatte er sich verschrieben? Ich hätte mich nicht zu wundern brauchen. Der Netzwerkinfor- mationscomputer kramte ein bißchen und brachte dann ein hal- bes Dutzend militärische Command Operations Centers zum Vor- schein. Er suchte nach weiteren Stichwörtern: >Cheyenne<, >icbm<, >combat<, >khll<, >Pentagon< und >Colorado<. Wie ich da so saß und ihn dabei beobachtete, wie er das Milnet- Verzeichnis durchstöberte, kam es mir vor, als beobachtete ich je- manden, der die "Gelben Seiten" durchblätterte. Welche Num- mern würde er wählen? Alle. Jedes Stichwort ergab ein paar Computeradressen, und nachdem er ungefähr dreißig gefunden hatte, beendete er seine Verbindung mit dem Milnet-Verzeichnis. Dann versuchte er wie- der einmal methodisch in jede Anlage einzubrechen. Das Air Force Data Services Center in Arlington, Virginia. Das Army Bal- listics Research Laboratory. Ein Trainingszentrum der Air Force in Colorado Springs. Das Navy Pacific Monitoring Center auf Hawaii. Und dreißig andere. Aber wieder hatte er kein Glück. Zufällig hatte er sich Orte her- ausgepickt, die keine eindeutigen Passwörter hatten. Sicher war's für ihn ein frustrierender Abend. Schließlich versuchte er, in seinen alten Schlupfwinkel, die Ar- meebasis Anniston, einzubrechen. Fünfmal. Kein Glück. Also ließ er das Milnet sein und fing wieder an, in meinem Unix- Computer rumzusauen. Ich sah, wie der Kuckuck sein Ei legte: Wieder einmal manipulierte er die Dateien in meinem System, um sich zum privilegierten Benutzer zu machen. Wieder sein al- ter Trick: benutzt die Gnu-Emacs-movemail-Datei, um die Atrun- Datei des Systems durch sein vergiftetes Programm zu ersetzen. Fünf Minuten später, puh! Er war Systemverwalter. Jetzt mußte ich ihn sorgfältig beobachten. Mit seinen unerlaubten Privilegien konnte er mein System zerstören, entweder verse- hentlich oder absichtlich. Und nur ein Befehl war dazu nötig, wie >rm'< - >lösche alle Dateien<. Für diesmal jedoch konnte er sich beherrschen. Er druckte nur die Telefonnummern verschiedener Computer aus und loggte sich aus. Oho! Er nahm sich eine Liste von Telefonnummern, bei denen sich unser Computer häufig anmeldet. Aber Mitre hatte seine Telefonleitungen nach draußen gesperrt. Er mußte das spätestens jetzt entdeckt haben. Trotzdem sammelte er immer noch Telefonnummern. Also mußte er einen anderen Weg haben, über den er telefonieren konnte. Mitre war nicht sein einziger Trittstein zum Telefonsystem. Nach 15 Minuten kam er in mein System zurück. Wo er auch hin- gegangen sein mochte, bei keinem seiner Anrufe war etwas her- ausgesprungen. Falsche Passwörter, ich wette. Sobald er zurück war, startete er Kermit. Er wollte eine Datei zu- rück in seinen Computer kopieren. Wieder meine Passwortdatei? Nein, meine Netzwerk-Software. Er versuchte, den Quellcode für zwei Programme zu exportieren: >telnet< und >rlogin<. Immer wenn einer meiner Wissenschaftler sich in das Milnet ein- klinkt, benutzt er entweder >telnet< oder >rlogin<. Mit beiden Programmen kann sich jemand, der weit entfernt ist, in einen frem- den Computer einloggen. Beide übertragen Befehle von einem Benutzer in einen fremden Computer. Beide sind ideal, um darin ein trojanisches Pferd zu plazieren. Indem er einige Codezeilen in unserem >telnet<-Programm än- derte, konnte er einen Passwortgreifer daraus machen. Wenn sich meine Wissenschaftler bei einem entfernten System anmeldeten, würde sein heimtückisches Programm ihre Passwörter in einer Geheimdatei ablegen. Oh, sie würden sich erfolgreich einloggen. Wenn aber der Hacker das nächste Mal in meinen Computer in Berkeley kam, gäbe es eine Liste mit Passwörtern, die aufs Abho- len wartete. Ich sah zu, wie Kermit das Programm Zeile für Zeile zu dem Hak- ker rüberschaufelte. Nicht nötig, die Übertragung zu messen - ich wußte jetzt, daß die langen Verzögerungen an den Satelliten und dem weiten Sprung nach Deutschland lagen. Wie ich so zusah, wurde ich ärgerlich. Nein, stinksauer. Er stahl meine Software. Sensitive Software noch dazu. Wenn er sie ha- ben wollte, sollte er sie gefälligst jemandem anderen klauen. Aber ich konnte Kermit nicht einfach abschießen. Würde er gleich merken. Jetzt, wo ich begann, ihn einzukreisen, würde ich ganz bestimmt nicht den Zeigefinger krümmen. Ich mußte schnell handeln. Wie sollte ich einen Dieb stoppen, ohne daß er es merkte, daß ich ihm zusah? Ich griff nach meinem Schlüsselbund und langte hinüber zu den Drähten, über die die Verbindung des Hackers lief. Ich ließ die Schlüssel über den Stecker rasseln und unterbrach seine Leitung für einen Moment. Das gab gerade genug Krach, um den Compu- ter zu irritieren, aber nicht soviel, daß die Verbindung zusam- menbrach. Für ihn sah das aus, als ob ein paar Zeichen verstüm- melt worden wären. Falsch geschriebene Wörter und unverständ- licher Text. Das Computeräquivalent von statischem Rauschen beim Radio. Er würde es auf Netzwerkinterferenzen schieben. Er würde es vielleicht wieder versuchen, aber schließlich aufgeben. Wenn die Verbindungen mies sind, haben Ferngespräche keinen Zweck. Es funktionierte wie Zauberei. Ich schüttelte meine Schlüssel, er sah Rauschen, und sein Computer bat um erneutes Überspielen der letzten Zeile. Ich war vorsichtig genug, ein bißchen Datenma- terial durchzulassen. Aber so langsam, daß die gesamte Datei die ganze Nacht brauchen würde. Der Hacker meldete sich ab und versuchte es wieder. Nichts da. Durch meinen Nebel hindurch schaffte er es nicht und gab sich damit zufrieden, nur Information zu stehlen. Er durchsuchte Dave Clevelands Dateien nach neuer elektronischer Post und ach- tete besonders auf Adressen, bei denen sich Dave regelmäßig an- meldete. Damit hatte er eine Schlagader getroffen. Er fand einen gangbaren Weg in einen Computer auf dem Cam- pus: das Opal-System der Universität. Dave konnte sich dort von weiter weg einloggen, ohne ein Passwort vorzuzeigen. Als privi- legierter Benutzer tat der Hacker so, als sei er Dave und klinkte sich rasch in den Universitätscomputer ein. Er hatte kein großes Interesse daran, das Campussystem zu erkunden und ver- schwand nach einer kurzen Suche nach Passwörtern. Na, das war wieder seltsam. Der Opal-Computer von Berkeley ist die Heimat wirklicher Computerforschung. Man muß nicht weit gehen, um einige der besten Kommunikationsprogramme, akade- mische Software und Spiele zu finden. Offensichtlich waren dem Hacker die Sachen piepegal, für die sich Studenten interessieren mochten. Aber zeig ihm was Militärisches, und er flippt aus. Es war 17.51 Uhr, als der Hacker aufgab. Ich kann nicht behaup- ten, daß seine totale Frustration mir Befriedigung verschaffte. Er reagierte nur so, wie ich's erwartete. Meine Arbeit führte langsam zu einer Lösung. Steve White verfolgte die Verbindungen den ganzen Tag lang. Ge- nau wie am Morgen kamen sie alle aus Deutschland. "Gibt's eine Möglichkeit, daß es jemand aus einem anderen euro- päischen Land ist?" fragte ich, wußte aber die Antwort im vor- aus. "Der Hacker könnte von überall her sein", antwortete Steve. "Meine Verfolgung weist nur eine Verbindung von Berkeley nach Deutschland nach. " "'ne Ahnung, wo in Deutschland?" Steve war so neugierig wie ich. "Das kann man ohne Telefonbuch nicht feststellen", teilte er mit. "Jedes Netzwerk benutzt die Adresse auf seine eigene Weise. Die Bundespost wird's uns morgen mitteilen. " "Also rufen Sie sie morgen früh an?" wollte ich wissen und fragte mich, ob er deutsch sprach. "Nein, es ist einfacher, elektronische Post zu schicken", sagte Steve. "Ich hab schon eine Nachricht wegen des Zwischenfalls gestern geschickt; der von heute wird ihn bestätigen und noch ein paar Details hinzufügen. Machen Sie sich keine Sorgen, sie wer- den sich drauf stürzen. " Steve konnte diesen Sonntagnachmittag nicht dabeibleiben - er bereitete mit seiner Freundin Lynn ein Essen vor Was mich an Martha erinnerte. Ich hatte nicht zu Hause angerufen. Martha war nicht sehr erfreut. Sie ließ mir durch Claudia ausrich- ten, daß sie erst spät nach Hause käme. Wenn nicht der Hacker gewesen wäre, hätten wir zusammen eine Wanderung in den Redwoods gemacht. Schade. 32. Kapitel Am Abend war zu Hause dicke Luft. Martha redete nicht viel. Weil ich den ganzen Tag damit verbracht hatte, den Hacker zu be- obachten, hatte ich einen schönen Sonntagnachmittag kaputtge- macht. Die Fortschritte bei der Hacker-Jagd hatten mir schwere Verluste an der Heimatfront eingebracht. Wem sollte ich von der neuesten Entdeckung erzählen? Ganz be- stimmt meinem Chef. Wir hatten gewettet, woher der Hacker kam, und ich hatte verloren. Ich schuldete ihm eine Schachtel Kekse. Dem FBI? Na, die hatten nicht viel Interesse gezeigt, aber das ging nun wirklich über den Bereich meiner Ortspolizisten hinaus. Ich könnte ihnen noch mal eine Chance geben, uns zu ignorieren. Air Force Office of Special Investigations? Sie hatten darum gebe- ten, auf dem laufenden gehalten zu werden. Da der Hacker Mili- tärcomputer angriff, sollte ich jemandem vom Verteidigungsesta- blishment verständigen, egal wie zuwider mir das politisch war. Wenn's schon schwierig war, mit dem Militär zu sprechen, dann kostete es mich das letzte an Selbstüberwindung, mit der CIA zu reden. Vor einem Monat hatte ich akzeptiert, daß sie es wissen mußten, wenn jemand versuchte, in ihre Computer einzubre- chen. Ich hatte meine Pflicht getan. Sollte ich ihnen jetzt erzäh- len, daß es ein Ausländer war? Aber sie schienen mir auch wieder dafür die richtigen Leute zu sein. Ich konnte die Knoten und Netzwerke verstehen, aber Spio- nage... darüber lernt man schließlich nichts in der Doktoranden- zeit. Ich war in etwas hineingestolpert, worüber in den Lehrbü- chern absolut nichts stand. Sicher würden mir meine Freunde von Berkeleys flott flattern- dem linken Flügel erzählen, ich ließe mich vom Staat benutzen. Aber ich fühlte mich eigentlich nicht als Werkzeug der herr- schenden Klasse, es sei denn, imperialistische Marionettenblut- hunde frühstückten trockenes Müsli. Ich haderte mit mir, als ich durch den Verkehr nach Hause radelte, aber mein Bauch sagte mir, was ich tun sollte: Die CIA sollte es wissen, und ich sollte es ihnen sagen. Es war ein andauernder Kampf gewesen, die Bürokratie in Schwung zu bringen. Vielleicht würde ich irgend jemanden auf- merksam machen, wenn ich meine Fahne vor allen Drei-Buch- staben-Behörden schwenkte. Zuerst rief ich das FBI an. Das Büro in Oakland war nicht interes- siert, aber vielleicht konnte ich Mike Gibbons in Alexandria Vir- ginia, auf die Palme bringen. Aber Mike war in Urlaub, also hin- terließ ich ihm eine Nachricht und dachte mir, er würde es in ein paar Wochen erfahren. "Sagen Sie ihm einfach, daß Cliff angerufen habe. Und daß mein Freund eine Adresse in Deutschland hat. " Meinen zweiten Anlauf nahm ich beim OSI der Air Force. Die Luftwaffenschnüffler. Zwei Leute kamen in die Leitung. Eine Frauenstimme und die Stimme eines brummigen Mannes. Ann Funk war Spezialagentin für Verbrechen in der Familie. In ernstem Ton erklärte sie: "Mißhandlung von Ehefrauen, Kindes- mißbrauch. Die Air Force hat dieselben häßlichen Probleme wie der Rest der Welt. " Nichts mit High-Tech, aber sogar am Telefon flößte ihre Gegenwart Respekt und Sympathie ein. Jetzt arbeitete sie in der Gruppe Computerkriminalität des OSI. Vor einem Monat hatte ich mit Jim Christy gesprochen. Nun war seine erste Frage dieselbe, die ich Steve gestellt hatte: "Ost- oder Westdeutschland?" "West", antwortete ich. "ln den nächsten Tagen werden wir mehr wissen. " "Wo ist er reingekommen?" fragte Ann. "Nirgends, zumindest soweit ich's gesehen habe. Nicht, daß er's nicht versucht hätte. " Ich ratterte einige Orte runter, in die er reinzuschlüpfen versucht hatte. "Wir müssen Sie zurückrufen", sagte Jim. "Wir haben ein Büro in Europa, das vielleicht an dem Fall arbeiten könnte. " Ich hatte der Air Force ein "Achtung!" zugerufen. Wollen mal sehen, was sie taten. Zeit, die CIA anzurufen. Tejotts Büro antwortete - er war nicht da. Puh? Weg vom Haken Ich fühlte mich wie ein Schüler, der ein Referat vor der Klasse halten muß, und dann wird der Lehrer krank. Aber weil ich mich einmal entschlossen hatte, die Schnüffler zu verständigen, rief ich Tejotts Mitschnüffler Greg Fennel an. Greg war am Apparat. "Aber ich habe in drei Minuten eine Besprechung. Fassen Sie sich kurz. " Ein arbeitsreicher Tag bei der CIA, dachte ich und sagte: "Wir haben den Hacker in Deutschland lokalisiert. Auf Wiederhören!" "Wie? Warten Sie ? Wie haben Sie das gemacht? Sind Sie sicher, daß es derselbe Kerl ist?" "Sie haben doch eine Besprechung. Wir können morgen drüber reden. " "Vergessen Sie die Besprechung. Erzählen Sie mir, waS passiert ist. Beschönigen Sie nichts, interpretieren Sie nichts. " Ganz einfach, wenn man ein Tagebuch führt. Ich las ihm die Zu- sammenfassung des Wochenendes vor. Eine Stunde später stellte Greg immer noch Fragen und hatte seine Besprechung vergessen. Es traf ihn ins Mark. "Faszinierend. " Der Schnüffler dachte laut. "Da bricht jemand aus Westdeutschland in unsere Netzwerke ein. Oder zumindest kommt er durch ein bundesdeutsches Tor. " Er verstand, daß wir ein Glied der Kette identifiziert hatten. Der Hacker konnte immer noch überall sein. "Gibt's eine Chance, daß Sie was unternehmen?" fragte ich. "Das muß jemand anders entscheiden. Ich werde es nach oben weitergeben, aber ich weiß wirklich nicht, was passieren wird. " Was hatte ich erwartet? Die CIA konnte nicht viel zur Lösung des Problems tun - sie waren Informationssammler. Ich hoffte, sie würden die ganze Schweinerei übernehmen, aber das schien un- wahrscheinlich. Der Hacker war nicht in ihren Maschinen, er war in unseren. Das Lawrence-Berkeley-Labor war's leid, Zeit auf den Fall zu ver- schwenden. Ich hatte meine Hackerarbeit versteckt, aber jeder konnte sehen, daß ich nicht das System pflegte. Die Systemsoft- ware kam langsam herunter, während ich Programme zur Ana- lyse dessen schrieb, was der Hacker tat. Da ich mich vor meinem cholerischen Chef fürchtete, polierte ich meine Quantenmechanik etwas auf, bevor ich mit Roy Kerth sprach. Wenn wir uns ein Weilchen über Physik unterhielten, würde er meine Arbeit an dem Hackerproblem vielleicht überse- hen. Schließlich schien ihm meine Graphiksoftware gefallen zu haben, auch wenn ich sie für vergleichsweise trivial hielt. Aber keine Fachsimpelei konnte Roys Zorn ablenken. Er war wü- tend, daß ich soviel Zeit darauf verwendete, diesen Hacker zu verfolgen. Ich leistete nichts für die Abteilung - nichts, was er vorzeigen, nichts, was er messen konnte. Wenigstens stoppte er mich nicht. Ich verbrachte etliche Stunden damit, Schwarze Bretter im Usenet-Netzwerk nach Neuigkeiten über Hacker durchzulesen, fand schließlich eine Notiz aus To- ronto und rief den Autor an - ich traute der elektronischen Post nicht. Bob Orr, der Verwalter des Physikcomputers der Universi- tät Toronto, erzählte mir eine traurige Geschichte. "Wir sind an Unmengen von Netzwerken angeschl.ossen, und es ist harte Arbeit, Institutionen zu finden, die das bezahlen. Irgendwelche Hacker aus Deutschland sind in unser System eingedrungen, haben Programme verändert und unser Betriebs- system gestört. " "Und wie sind sie reingekommen?" fragte ich und ahnte die Ant- wort schon voraus. "Wir arbeiten mit dem Europäischen Kernforschungszentrum CERN zusammen. Leute des Hamburger Chaos Computer Clubs sind mitten durch seine Computer marschiert. Sie haben dort wahrscheinlich Passwörter zu unserem System gestohlen und sich dann direkt bei uns eingeklinkt. " "Haben sie Schäden verursacht?" fragte ich. "Schäden! Haben Sie nicht zugehört?" explodierte Bob. "Unsere Netzwerke sind empfindliche Dinger - die Leute klinken sich bei uns ein in der Hoffnung auf wechselseitige Unterstützung. Wenn jemand in einen Computer einbricht, zerstört er dieses Vertrauen. Abgesehen davon, daß diese Hacker mich furchtbar viel Zeit kosten und uns zwingen, unsere Netzwerkverbindungen zu inaktivieren, unterminieren sie auch noch die Offenheit, die wir unbedingt brau- chen, um wissenschaftlich zusammenarbeiten zu können. " "Aber haben sie Ihre Dateien gelöscht", fragte ich. "Haben sie Programme geändert?" "Na, sie haben mein System so geändert, daß es ihnen ein Pass- wort für die Hintertür gegeben hat. Aber wenn Sie nach Schlag- zeilen suchen wie >Hacker löscht ganzes System<, die finden Sie hier nicht Diese Einbrüche sind weit hinterlistiger. Diese Pro- grammierer sind meines Erachtens technisch ausgefuchst, aber moralisch ziemlich abgewrackt, ohne jeden Respekt vor anderer Leute Arbeit - oder Privatsphäre. Sie zerstören nicht ein oder zwei Programme Sie versuchen, die Zusammenarbeit kaputtzu- machen, die unsere Netzwerke aufbaut. " Mann! Das war ein Systemverwalter, der seine Arbeit ernst nahm. Ich hatte bisher nicht viel über Hacker aus der Bundesrepublik Deutschland erfahren, aber endlich mit jemandem gesprochen, der sie mit denselben Verwünschungen wie ich bedachte. Bob hatte erkannt, daß sich der Schaden nicht in geraubten Dollars bemaß, sondern vielmehr in verlorenem Vertrauen. Er sah das nicht als Spaß und Spiel, sondern als ernsten Angriff auf eine offene Gesellschaft. Früher hätte ich mit Bob gestritten und gesagt, daß das nur Kinds- köpfe seien, die herumspielten. Früher hätte ich gelächelt und je- den bewundert, der so viele Computer hacken konnte. Jetzt nicht mehr. Nebenbei erwähnte Bob, daß Mitglieder des Chaos Clubs im No- vember 1985 auch in den Computer der US-Hochenergie-For- schungsanlage Fermilab in Chicago gekommen waren. "Haben sie spioniert?" fragte ich Bob. "Seien Sie ernst. Dort gibt es keine geheime Arbeit. Sie machen einfach Wissenschaft. " Ich wunderte mich. Waren die Chaos Computer Club-Leute Van- dalen oder Spione? "Können Sie die Typen identifizieren, die einbrechen?" fragte ich weiter. "Ein Kerl benutzt das Pseudonym >Hagbard<. Ein anderer >Pengo<. Ich kenne ihre wirklichen Namen nicht. " "Haben Sie Ihr System gesichert, seit Sie sie entdeckt haben?" "Etwas. Wir versuchen, Wissenschaft zu machen, also wollen wir der Welt unsere Türen nicht verschließen. Aber diese Piraten ma- chen es einem schwer, ein offenes, ungeschütztes Rechenzen- trum zu betreiben. Ich wollte, sie hätten sich jemand anderes aus- gesucht, das Militär zum Beispiel. Oder die NASA. " Wenn er wüßte, dachte ich und fragte: "Ich nehme an, die Polizei ist keine große Hilfe?" "Nicht sehr. Sie hören uns an, aber sie tun nicht viel. " Ich verabschiedete mich und rief in Stanford an, fragte den dorti- gen Systemverwalter Dan Kolkowitz, ob er schon mal was aus Deutschland gehört habe. "Weil wir gerade davon reden", polterte er, "jemand ist vor ein paar Monaten bei uns eingebrochen. Ich habe überwacht, was er tat und habe ein Protokoll von ihm. Sieht ziemlich deutsch aus. " Dann las er mir das Protokoll am Telefon vor. Ein Hacker mit dem Decknamen >Hagbard< schickte eine Passwortdatei an Hacker na- mens >Zombie< und >Pengo<. Wieder Hagbard und Pengo. Ich schrieb sie ins Tagebuch. Es schien immer noch, als ob Bob Orr recht hätte. Diese beiden Hacker waren gewiefte Datenvagabunden, die Verwirrung stiften wollten. Sie griffen Universitäten und wissenschaftliche Institute an - leichte Beute. Sie schienen nicht an militärischen Zielen in- teressiert zu sein und nicht zu wissen wie man durch das Milnet steuerte. Ich erkannte noch einen Unterschied zwischen meinem Hacker und den Chaos-Typen. Mein Hacker schien auf Unix zu Hause zu sein. Nicht auf der Berkeley-Version, aber doch auf Unix Diese Computerfreaks, die Bob und Dan beschrieben, schienen nur die VMS-Betriebssysteme von DEC zu attackieren. Von jetzt an würde ich nach Nachrichten über den Chaos Compu- ter Club Ausschau halten, aber ich konnte ja nicht annehmen, daß sich fast alle deutschen Hacker miteinander verbündet hat- ten. Eins an der Sache war gut. Nach und nach knüpfte ich Kontakte zu anderen Leuten, die wegen derselben Probleme, von denen auch ich besessen war, Schlafstörungen hatten und Maloxan schluckten. Trostreich, zu erfahren, daß ich nicht ganz allein war. Zeit meine Gedanken von dem Hacker zu lösen und zur Astrono- mie zurückzukehren. Aber Pech - Mike Gibbons vom FBI rief an. "Ich dachte, Sie seien in Urlaub", sagte ich. "Bin ich. Bei meinen Verwandten in Denver. " "Wie haben Sie dann meine Nachricht erhalten?" Ich fragte mich, ob wohl die CIA angerufen hatte. "Oh das ist einfach", sagte Mike. "Wir haben einen zweistündi- gen Bereitschaftsdienst. Das Büro kann mich Tag und Nacht er- reichen. Macht meine Ehe manchmal etwas ungemütlich. " Ich verstand nur zu gut. Mein Piepser war manchmal auch ein Mühlstein am Hals. "Haben Sie von der deutschen Verbindung gehört?" "Wie wär's, wenn Sie mir mal erzählen, -was übers Wochenende passiert ist?" Wieder las ich ihm aus meinem Tagebuch vor. Ich kam zu der Passage mit den DNIC-Nummern, als Mike mich unterbrach. "Können Sie Ihr Tagebuch per Expreß herschicken?" "Klar. Ich drucke ein Exemplar aus und schick es Ihnen. " Ein Kinderspiel, wenn man seine Notizen in einem Computer macht. "Ich eruiere mal, ob wir ein Verfahren eröffnen können. Ich kann's nicht versprechen, aber das sieht recht interessant aus. " Ich hatte mittlerweile gelernt, daß niemals jemand versprach etwas zu tun, druckte ein Exemplar meines Tagebuchs aus und schickte es per Expreß. Als ich zurückkam, klingelte das Telefon. Tejott. "Ich hab die Neuigkeit gehört", sagte mein CIA-Kontaktmann. "Sind Sie sicher, daß Ihr Freund drüben überm Teich wohnt?" "Ja, wenn Sie den Atlantik meinen. " Tejotts Abkürzungen moch- ten einen Lauscher vielleicht verwirren, aber mir zogen sie im- mer den Teppich unter den Füßen weg. "Höchstwahrscheinlich ist er aus Deutschland, und ich wäre überrascht, wenn er aus den Staaten käme. " "Kennen Sie seinen exakten Standort?" "Alles was ich weiß, ist die elektronische Adresse eines Compu- ters. Eine DNIC-Nummer, was immer das heißt. " "Wer dekodiert das für Sie?" "Ich erwarte, daß die Deutsche Bundespost uns sagen wird, wer am anderen Ende ist. Vielleicht morgen. " "Haben Sie die, äh, nördliche Einheit angerufen?" "Nördliche Einheit? Wer ist das? Meinen Sie die >F<-Einheit?" "Nein, die Einheit im Norden. Sie wissen schon, Mr. Meades Wohnort. " Meade. Fort Meade. Der mußte die National Security Agency meinen. "Nein, aber ich habe die >F<-Einheit angerufen. " "Gut. Tun die was oder bleiben sie auf ihren Hintern hocken?" "Ich weiß es nicht. Sie eröffnen vielleicht ein Verfahren, aber sie wollten es nicht versprechen. " "Tun die nie. Ich werde Kontakt mit ihnen aufnehmen und se- hen, ob wir der Sache nicht auf die Sprünge helfen können. In der Zwischenzeit sollten Sie die nördliche Einheit anrufen und fra- gen, ob sie diese Adresse dekodieren können. " Natürlich. Die NSA mußte Listen aller Telefonnummern und elektronischen Adressen auf der Welt haben. Ich wählte das National Computer Security Center. Zeke Hanson nahm ab. "Hallo, Zeke, erinnern Sie sich noch, daß Sie gesagt haben, die NSA könne mir nicht helfen, wenn der Hacker aus Amerika kommt?" "Ja, und weiter?" "Nun, er ist aus Europa. " "Sie meinen, daß Sie einen Ausländer im Milnet verfolgt ha- ben?" "Sie haben richtig gehört. " "Ich ruf Sie gleich zurück. " Mittlerweile hatte ich mich an dieses Zurückrufen gewöhnt. Ent- weder haben die Schnüffler sichere Telefonleitungen, oder sie nehmen an, daß ich aus einer Telefonzelle anrufe. Zum fünften Mal berichtete ich also, wie ich mein Wochenende verbracht hatte. Zeke hörte gespannt zu und machte sich offenbar Notizen. "Glauben Sie, der Hacker handelt auf Anweisung?" "Kann ich nicht sagen. Aber ich habe den Verdacht, er bewahrt seine Ausdrucke auf. " "Könnten Sie mir eine Liste aller Stichwörter schicken, nach de- nen er gesucht hat?" "Würd ich gerne machen, aber heute hab ich viel zu tun. Vor allem versuch ich die elektronische Adresse zu finden, die zu der deutschen DNIC-Nummer gehört. Ich würde mich freuen, Infor- mationen auszutauschen. " "Sie meinen, Sie schicken mir Kopien des Datenverkehrs als Ge- genleistung, wenn ich diese Adresse ermittle?" "Klar. Scheint mir ein fairer Handel", sagte ich. Denn wenn ich einfach nur so nach der Adresse fragen würde, er würde mich ab- blitzen lassen. Es funktionierte nicht. Zeke blieb hart. "Geht absolut nicht. Ich kann nicht mal bestätigen, daß wir sol- che Informationen haben. " Lahmgelegt. Ich mußte diese Adresse irgendwie anders dekodieren. Und frustriert. Den ganzen Tag lang fragten mich Geheimdienste nach Details aus, aber niemals erzählte jemand mir was. Nach der Hektik dieses Tages war ich erschöpft, aber zuversicht- lich. Diese Spur nach Deutschland hatte mehrere Türen geöffnet Die Schnüffler konnten das nicht länger als geringfügiges Privat- problem vom Tisch wischen. Es konnte zwar immer noch geringfügig sein war aber bestimmt keine Inlandsangelegenheit mehr. 33. Kapitel Ich hatte in ein Wespennest gestochen. Die nächsten paar Tage kam ich nicht vom Telefon weg. Die Schnüffler riefen mich immer wieder zurück und fragten nach technischen Details - wie meldet man sich von Europa aus bei Militärcomputern an? Konnte ich beweisen, daß der Hacker aus Deutschland kam? Wo hatte er Passwörter erwischt? Wie wurde er zum privilegierten Benutzer? Das Air Force OSI machte sich Sorgen darüber, wie das Milnet verteidigt werden könnte. War der Hacker in diese Anlage oder in jenes Netzwerk reingekommen? Welchen Computertyp griff er an? Konnten wir ihm Zügel anlegen, wenn wir ihn aus den Law- rence-Berkeley-Labors rauswarfen? Schließlich rief Steve White an. Er hatte eine interessante Mitteilung vom deutschen Datennetzkoordniator erhalten, knapp und bündig. "Die Adresse gehört zu einem Computer in Bremen. Wir ermit- teln. " Unser Kreis schloß sich immer mehr. Und wieder war ich unterwegs zur Bibliothek und blätterte im Atlas. Bremen ist eine Hafenstadt in Norddeutschland, berühmt wegen seiner mittelalterlichen Gemälde und seines Rathauses. Für einen Moment flogen meine Gedanken über den Atlantik... das sind Orte aus Geschichtsbüchern. Steves Anruf folgte dem Anruf von Mike Muuss vom Ballistic Re- search Laboratory. Die Army betrieb in Aberdeen, Maryland ein Forschungs- und Entwicklungslabor. Es ist eines der letzten Re- gierungslabors, das keine Auftragsforschung für private Auftrag- geber durchführt. Mike ist ihr Computerboss. Mike Muuss - er genießt in der ganzen Unix-Gemeinde einen Ruf als Netzwerkpionier und schnurrbärtiger Schöpfer eleganter Pro- gramme, die unbeholfene ersetzen. Mike ist der Meinung, daß gute Programme nicht geschrieben oder konstruiert werden: Sie wachsen. Er ist ein Läufer - 1,80 Meter groß - und unglaublich energiegeladen, ernsthaft und besessen. Mike hatte sich die Spo- ren an uralten Versionen von Unix, die noch aus den 70ern stammten, verdient. Wenn Mike spricht, hören andere Cracks zu. "Wir haben am Sonntag Joe Sventek dabei beobachtet, wie er un- ser System sondiert hat", sagte Mike Muuss. "Ich dachte, er sei in England. " Kennen sich alle Cracks untereinander? Ist es Telepathie? "Ist er auch", entgegnete ich. "Sie haben einen Hacker entdeckt, der sich als Joe tarnt. " "Also, dann halten Sie ihn vom Netzwerk weg. Schmeißen Sie ihn raus. " Das hatte ich schon durchdacht und wandte ein: "Wenn ich ihn aus meinem Computer aussperre, würde ihn das wahrscheinlich nicht aufhalten. " "Oh, er ist also in vielen Computern, hm?" Mike verstand. Wir plauderten ungefähr eine Stunde, und ich versuchte, mir meine Unkenntnis nicht anmerken zu lassen. Mike nahm an, daß ich den Eniac kannte, den ersten Großrechner der Welt. "Ja, das war genau hier im Ballistics Research Labor. Damals, 1948. Zehn Jahre, bevor ich geboren wurde", schwärmte er. Eniac mochte ihr erster Weltklassecomputer gewesen sein, aber wohl kaum ihr letzter. Jetzt betreibt die Armee zwei Cray-Super- computer - die schnellsten der Welt. Ohne sonderliche Beschei- denheit sagte Mike: "Wenn Sie die Army imJahr 2010 sehen wollen, dann schauen Sie heute in meine Computer. Da steht alles. " Genau, was der Hacker wollte. Bald nach diesem Gespräch rief Chris McDonald von White Sands an. Auch er hatte gehört, daß jemand gegen seine Türen hämmerte und wollte wissen, was wir dagegen zu tun gedach- ten. "Nichts", erwiderte ich. "Nichts, bis der Kerl verhaftet ist. " Ein Bluff, wenn man die Möglichkeiten in Betracht zog, auch nur zu entdecken, wo der Hacker wohnte. Er hatte versucht, sich in achtzig Computer hineinzuzwängen. Zwei Systemverwalter hatten ihn entdeckt. Nehmen wir an, Sie gehen eine Häuserfront entlang und versu- chen, mit Gewalt Türen zu öffnen. Wie lange mag es dauern, bis jemand die Polizei ruft? Beim fünften Haus? Beim zehnten? Nun, mit des Hackers Hilfe wußte ich die Antwort. In den Com- puternetzwerken kann man an vierzig Türen hämmern, bevor es jemand merkt. Bei dieser Art Bewachung sind unsere Computer wehrlose Beute. Fast niemand hält Ausschau nach Eindringlin- gen, die einzubrechen versuchen. Mein eigenes Labor war so blind wie alle anderen auch. Der Hak- ker war eingebrochen, zum privilegierten Benutzer geworden und hatte die volle Leistung meines Computers zur Verfügung, bevor wir ihn entdeckten. Sogar dann noch waren wir zufällig über ihn gestolpert. Es schien unwahrscheinlich, daß Computerleute Hacker in ihren Systemen entdecken konnten. Na, vielleicht konnten sie's, aber niemand war auf der Hut. Also lohnte es sich, weiter die Telefon- rechnungen von Mitre durchzukämmen. Der Hacker hatte aber ganz klar TRW, Inc. in Redondo Beach angerufen; er war stun- denlang in ihren Computer eingeklinkt. TRW ist ein Rüstungsbetrieb, der für die Air Force und die NASA arbeitet. Militärische Aufklärungssatelliten und so... Es zeigte sich, daß Howard Siegal von der Abteilung Signalverar- beitung bei TRW völlig ahnungslos gewesen war, bis ich anrief. "Wir können doch gar keinen Hacker hier haben. Wir betreiben eine sichere Anlage. " Sie war per definitionem sicher. Das hatte ich schon öfter gehört und fragte: "Nur um meine Neugier zu befriedigen, würden Sie Ihr Abrechnungsprotokoll der letzten paar Monate mal überprü- fen?" Er war einverstanden, obwohl ich nicht erwartete, wieder von ihm zu hören. Aber am nächsten Morgen rief er mich mit schlech- ten Nachrichten zurück. "Sie haben recht", sagte Howard. "Es war jemand in unserem Sy- stem, aber ich kann nicht drüber reden. Wir sperren alle Zugriffs- möglichkeiten auf unseren Computer. " Er wollte weder beschrei- ben, welche Beweise seine Meinung geändert hatten, noch wollte er sagen, ob der Hacker privilegierter Benutzer geworden war. Ich erwähnte TRW bei meinen Freunden am Keck Observato- rium. Terry Mast hob die Augenbrauen: "Verdammt, das ist der Rüstungsbetrieb, der den KH-11 gebaut hat. " Moment mal! KH-11 war mir schon mal untergekommen. Der Hacker hatte dieses Stichwort am Samstag gesucht. "Sag mal, Terry, was ist der KH-11 ?" "Ein geheimer Spionagesatellit. KH steht für >Key Hole<, also >Schlüsselloch<. Er ist der elfte einer Baureihe. Ist jetzt veraltet. " "Ersetzt durch den KH-11, nehm ich an. " "Ja, genau. Massive Überschreitungen des Kostenvoranschlags, das Übliche. Alle beide sind extrem geheime Projekte. " Terry glaubte, daß Geheimhaltung die Kosten jedes Projekts auto- matisch multipliziere. Nach einer Weile rief Steve White von Tymnet an. Die Deutsche Bundespost hatte ermittelt, daß der Hacker von der Universität Bremen kam. Die Adresse wies auf eine VAX hin, nicht auf eine Telefonleitung, aber die Universität wußte nichts von einem Hak- ker. Offensichtlich bezweifelten sie, daß in ihrem Computer ein Hacker war. Das überraschte mich nicht: Hatte ich alles schon ge- hört. Geben wir ihnen einen oder zwei Tage, dachte ich. Eine VAX an einer Universität. Etwa ein Student? Ich fragte mich, ob es falsch war, was mir mein Bauch sagte: War es möglich, daß ich nur einen armen Zweitsemesterspaßvogel jagte? Als ich mit der CIA und der NSA gesprochen hatte, war ich so vorsichtig gewesen, auf diese Möglichkeit hinzuweisen. Es war schlimm genug, meine Zeit mit dieser Suche zu verschwenden. Ich wollte nicht, daß sich die Schnüffler zur Schlacht rüsteten und dann nur einen David mit einer Wasserpistole vorfanden Aber die Schnüffler stellten mir spekulative Fragen. Zeke von der NSA: "Können Sie die Computererfahrung dieser Person charak terisieren?" (Nun, das war leicht. Einfach auflisten, was er tut und wie fähig er scheint.) Dann: "Wie alt ist er?", "Wird er bezahlt, oder ist das sein Hobby?" (Da konnte ich nur raten: Der Hacker hatte Alter, Gewicht und Beruf nie eingetippt.) Alle meine Anrufer wollten etwas über ihn wissen, auch wenn sie nicht das geringste Interesse daran hatten, den Fall zu lösen. Mein Tagebuch hielt die Informationen fest, aber es umfaßte schon mehr als 50 Seiten. Um diesen Telefongesprächen zu entgehen, schrieb ich eine No- tiz, die zusammenfaßte, was ich über ihn wußte. Wenn ich die Beobachtungen über ihn zusammenstellte, konnte ich vielleicht ein Profil dieses Hackers erstellen. Manche ihrer Fragen konnte ich direkt beantworten: Der Hacker zielte auf das Militär und auf Rüstungsbetriebe. Er riet und stahl Passwörter. Er arbeitete gewöhnlich nachts, Mitteleuropäische Zeit. Andere Antworten ergaben sich aus indirekten Beobachtungen: Er schien in den Zwanzigern zu sein - seine Erfahrung in Unix und VMS zeigte mir das. Wahrscheinlich Student. Und nur ein Kettenraucher würde Benson & Hedges als Passwörter wählen. Ich verfolgte bestimmt nur einen oder zwei. Ich schloß das dar- aus, daß er vier geklaute Konten auf meinem System hatte und trotzdem dasselbe Passwort für alle gewählt hatte. Hätten sich mehr als ein paar Leute an diesem Schwachsinn beteiligt, hätten sie sich eigene Passwörter gesucht. Als ich dieses Profil verfaßte, erhielt ich den Eindruck von je- mandem, der methodisch und fleißig war. Er war seit mehr als sechs Monaten aktiv, und manche Aufzeichnungen von Mitre wiesen auf fast ein Jahr. Ihm machte es nichts aus, auch Sonntag nacht zwei Stunden damit zu verbringen, langsam Passwörter für Militärcomputer zu raten. Eine öde und ermüdende Arbeit. Die NSA hörte nicht auf, meine Schlußfolgerungen zu hinterfra- gen. Zeke: "Wenn er so methodisch ist, woher wissen Sie dann, daß Sie nicht irgendeinem Computerprogramm folgen?" Das zog mir doch glatt den Teppich unter den Füßen weg. Zeke hatte mich bis zu einem Punkt getrieben, an den ich noch nie ge- dacht hatte. Konnte ich denn wirklich beweisen, daß ich einer realen Person folgte? Ich hatte einmal angenommen, daß Computerhacker brillante Köpfe waren, die kreativ neuartige Wege suchten, um neue Pro- gramme zu konstruieren. Dieser Typ war geduldig und schuf- tete schwer, probierte wiederholt dieselben Tricks. Das gleiche Verhalten, das man von einem Computerprogramm erwarten würde. Angenommen, jemand hätte einen Computer so programmiert, daß er methodisch versuchte, sich in hundert andere Computer einzuloggen. Alles, was man dazu bräuchte, ist ein Heimcompu- ter mit einem Modem. Die Programmierung wäre recht einfach. Das Programm könnte Passwörter (wie >visitor< und >guest<) ge- nausogut raten wie ein Mensch. Und es könnte die ganze Nacht laufen, ohne daß jemand dabei ist. Einen Augenblick lang Panik. Konnte ich beweisen, daß ich kei- ner solchen Maschine folgte? Klar. Mein Hacker machte Fehler. Gelegentliche Tippfehler. Ich sagte zu Zeke: "Hinter der Tastatur sitzt wirklich ein Mensch, einer, der kein perfekter Tipper ist. " "Sind Sie sicher, daß der Hacker im selben Land ist wie der Com- puter?" Zeke war auf der Höhe des Problems. In Ordnung. Seine Fragen ließen mich weiterdenken. Ich beobachtete jemanden, und mein Bauch sagte mir, er sei in Deutschland. Aber es gab keinen Grund, weshalb er nicht in Australien sitzen konnte und in einen Com- puter in Deutschland eingeklinkt war. Mein Piepser unterbrach meine Antwort. Der Hacker war zurück. "Ich muß laufen, Zeke!" Wieder den Korridor runter, in den Schaltraum. Da war er! Er loggte sich gerade ein. Ich rief Tymnet an, aber als Steve White antwortete, hatte sich der Hacker schon wieder ausgeloggt. Ge- samtdauer der Verbindung: 30 Sekunden. Verdammt. Die ganze Woche war der Hacker jedesmal eine Mi- nute oder zwei angemeldet. Jedesmal löste er meinen Piepser und einen Adrenalinstoß aus. Aber solche kurzen Verbindungen honnte ich nicht verfolgen. Zehn Minuten, sicher. Fünf Minuten, vielleicht. Aber nicht eine Minute. Zum Glück störten Steve meine Notrufe nicht, und er erklärte mir jedesmal einen neuen Kniff im Vermittlungssystem von Tymnet. Heute jedoch erwähnte Steve, daß sich die Deutsche Bundespost mit der Universität Bremen in Verbindung gesetzt habe. Nach gründlicher Suche hatten die Systemleute an der Univer- sität Bremen einen privilegierten Benutzer entdeckt. "Ein Experte hatte ein Konto für sich angelegt und hatte >root<- Privilegien. Er war zuletzt aktiv am 6. Dezember '87 und löschte alle Spuren in der Abrechnung", erläuterte Steve. Hörte sich vertraut an. Ich notierte es. Tatsächlich, je öfter ich es las, desto mehr sagte es mir. Ich konnte schließen, daß Bremen eher Unix als VMS benutzte: Bei Unix-Computern sagen die Leute >root<-Zugangsberechtigung; auf VMS heißt es >System<-Pri- vilegien. Dasselbe Konzept, unterschiedlicher Jargon. In der Zwischenzeit hatte die Deutsche Bundespost das Konto er- mittelt, das der Hacker benutzte, um sich quer über den Atlantik anzumelden. Sie stellten eine Falle auf: Wenn das nächste Mal je- mand dieses Konto benutzte, würden sie den Anruf verfolgen. Der Mann von der Bundespost vermutete, daß das Konto gestoh- len sei und statt den Kontenbesitzer zu fragen, ob er den Hacker autorisiert hatte, Amerika anzurufen, würde die Bundespost heimlich beobachten, was passierte. Die Deutschen saßen nicht herum. Die Universität wollte das ver- dächtige Konto überwachen, und die Bundespost beobachtete die Netzwerkaktivität. Immer mehr Mauselöcher wurden beäugt. In der nächsten Stunde erhielt Steve eine weitere Nachricht aus Deutschland: Die Universität Bremen würde ihre Computer die nächsten drei Wochen runterfahren. Wegen Weihnachtsferien. Vielleicht eine gute Nachricht. Wenn der Hacker während der Pause nicht auftauchte, war er wahrscheinlich aus Bremen. Wenn er aber trotz der Pause weitermachte, mußte er einen andern Weg nehmen... einen, der vielleicht direkt zu ihm führte. Der Hacker war nicht mehr als ein paar Minuten von Berkeley entfernt. Und uns trennten von ihm nur noch ein paar Wochen 34. Kapitel Dezember ist unter anderem die Zeit des Grußkartendruckens, und so versammelten wir uns - meine Hausgenossen und ich - zu unserer alljährlichen Farbenkleckserei. Martha zeichnete das Motiv, und Claudia und ich schnitten die Matrizen zu. Wir dach- ten, daß wir es vermeiden würden, unsere fanatischen Freunde zu beleidigen, wenn wir die Karte astronomisch hielten: Fröh- liche Wintersonnenwende! "Wir machen unsere Karten so, wie du den Hacker jagst", sagte Martha. "Wie?" "Do it yourself", bemerkte sie. "Nicht so wie's Profis machen würden, aber's macht trotzdem Spaß. " - Ich fragte mich, wie ein echter Profi diesen Hacker verfolgen würde. Aber wer waren denn da die Profis? Gab es jemand, des- sen Aufgabe es war, Leute zu verfolgen, die in Computer einbra- chen? Ich hatte noch keine getroffen. Ich hatte alle Behörden an- gerufen, die mir einfielen, und doch hatte niemand die Sache übernommen. Niemand hatte mir auch nur einen Rat gegeben. Alle, FBI, CIA, OSI und NSA, alle waren sie gleichermaßen faszi- niert. Ein Ausländer holte Daten aus US-Datenbanken raus. Der Fall war belegt - nicht nur durch mein Tagebuch, sondern auch durch zahlreiche Ausdrucke, Fangschaltungen und Netzwerk- adressen. Meine Überwachungsstation lief rund um die Uhr - die Chancen, den Bösewicht zu fangen, schienen gut zu stehen. Aber nicht ein Funken Unterstützung. Mein Gehalt wurde von Forschungsgeldern für Physik und Astronomie abgezweigt, und die Laborverwaltung erwartete Systempflege von mir, nicht Spio- nageabwehr. Aus 8000 Meilen Entfernung steckte ein Hacker seine Nase in unsere Netzwerke. 3000 Meilen weiter östlich ana- lysierten Geheimagenten meine neuesten Berichte. Aber zwei Stockwerke über mir besprachen meine Chefs, daß sie versuchen wollten, das Ganze abzublasen. "Cliff, wir haben das Ende der Jagd beschlossen", sagte Roy Kerth. "lch weiß, Sie sind nahe dran, den Hacker zu finden, aber wir können es nicht länger finanzieren. " "Noch zwei Wochen. Bis Neujahr?" "Nein. Schließen Sie die Sache morgen ab. Nehmen Sie morgen nachmittag alle Passwörter zurück. " Mit andern Worten: Schlag die Tür zu ? dachte ich grimmig. Ver- dammt! Drei, fast vier Monate Arbeit einfach den Bach runter. Und gerade dann, wenn die Spur vielverspreche d aussieht. Frustrierend. Der Hacker konnte sich verstecken, aber er konnte mich nicht loswerden. Meine Verwaltung schon. Gerade als wir den Schweinehund aufs Korn nahmen. Und deprimierend. Der Hacker würde keine Schwierigkeiten ha- ben, zu seinen Schlupfwinkeln zurückzukehren. Er würde weiter die Netzwerke durchstreifen und überall einbrechen, wo er konnte. Allen war's egal. Nur mir nicht. Ich begann zu planen, wie ich das Passwort jedes Benutzers än- dern wollte. Geht ganz leicht - einfach die Passwortdatei neu auf- bauen. Aber wie teilt man 1200 Wissenschaftlern Passwörter mit? Bringt man sie in einem Raum zusammen? Ruft man alle einzeln an? Schickt man ihnen eine Notiz mit der Post? Ich war immer noch total erschüttert, als Mike Gibbons vom FBI anrief: "lch wollte nur fragen, wohin die Spur geführt hat. " "Nach Bremen", sagte ich. "Die dortige Universität. " "Also ein Student, was?" "Nicht notwendigerweise. Aber wir werden es nie herausfin- den. " "Warum nicht?" "Das LBL schließt seine Türen. Morgen. " "Aber das könnt ihr nicht", sagte der FBl-Agent. "Wir eröffnen ein Verfahren. " "Mein Chef denkt, daß er's kann. " "Dann sagen Sie ihm, daß wir gerade Kontakt mit Europa aufneh- men. Egal was ihr tut, aber hört jetzt nicht auf. " "Sie reden mit dem Falschen, Mike. " "Okay. Welche Telefonnummer hat Ihr Chef?" Ich hatte keine Lust, von Roy Kerth eins aufs Dach zu kriegen, wenn ich ihn noch mal um eine Verlängerung bat. Wenn das FBI wirklich wollte, daß wir offenblieben, sollten die sich mit ihm rumschlagen. Mich jedenfalls unterstützte niemand. Alles, was diese tollen Drei-Buchstaben-Behörden je von sich gaben, war "Her damit". Jede Behörde wollte Kopien von Protokollen und Ausdrucken. Je- desmal, wenn wir eine Verbindung zurückverfolgt hatten, woll- ten vier oder fünf Leute wissen, wohin sie führte. So war das Leben, wenn man sich mit einer Bürokratie einließ: Alle wollten wissen, was wir entdeckt hatten, aber niemand wollte VerantWÒortung übernehmen. Niemand wollte freiwillig Kontaktstelle spielen, das Zentrum zur Informationssammlung und -verteilung. Ich hatte als Mittelpunkt der Untersuchung an- gefangen, und es sah so aus, als ob ich's bleiben sollte. Andererseits, da niemand mir Vorschriften machte, konnte ich was riskieren - etwa einen Hacker nicht aussperren, der meinen Computer in ein paar Sekunden leerfegen konnte. Ich konnte Ein- Mann-Orchester spielen, wie damals als Doktorand: Wenn's die Sache wert ist, dann mach's für dich, nicht um irgendeinem Geldgeber zu gefallen. Wenn ich mir nur Roy Kerth und Kompanie vom Hals halten könnte! Das FBI tat es für mich. Mike Gibbons sprach mit Roy Kerth. Ich weiß nicht, was sie geredet haben, aber eine halbe Stunde später sagte mir Roy, ich solle die nächsten zwei Wochen offenlassen. "Jetzt nehmen sie uns endlich ernst", sagte Roy. "Ernst genug, um unsere Unkosten zu bezahlen?" "Bleiben Sie ernst, Cliff!" Am Abgrund gerettet. Wir würden alles offenlassen, wenn auch nur dank einer informellen Absprache. Ich hatte noch zwei Wo- chen, um den Hacker zu fangen. Vielleicht brauchte ich nicht viel mehr. Am Freitag, dem 19. De- zember 1986, um 13.38 Uhr tauchte er wieder auf, blieb zwei Stunden da und fischte im Milnet rum. Ein angenehmer Freitagnachmittag: Passwörterraten zum Strate- gic Air Command, dem European Milnet Gateway, dem West Point Geography Department und zu einer Kollektion von siebzig anderen Militärcomputern. Ich war in wenigen Sekunden an den Monitoren und rief Steve White bei Tymnet an. Er wollte gerade nach Hause, als ich an- rief. "Der Hacker ist in unserem Computer. Tymnet-Anschluß Num- mer 14. " "Okay", sagte Steve. Das übliche Tastaturrattern im Hintergrund. Zwanzig Sekunden vergingen, dann rief er: "Ich hab's!" Steve hatte eine Verbindung von Kalifornien nach Deutschland in weniger als einer Minute verfolgt. "Wie machen Sie das?" Steve lachte. "Jetzt, wo ich weiß, daß Sie eine Fangschaltung brauchen, habe ich mein Verfolgungsprogramm automatisiert. Ich muß ihm nur sagen >Abflug<. " "Und woher kommt die Verbindung?" "Sie haben einen Anruf von Adresse 2624 DNIC 4511 Strich 049136. " "Was bedeutet das?" "Wir werden die Deutsche Bundespost fragen müssen, aber ich kann Ihnen etwas über die Adresse sagen. Die ersten Ziffern, 2624, bedeuten Deutschland. " "Das wissen wir schon. " "Die nächste Ziffernfolge, 4511, beginnt mit einer Vier. Es bedeutet, daß der Hacker über einen öffentlichen Telefon- anschluß reinkommt. " "Versteh ich nicht. Wo ist der Unterschied zum letzten Mal, als Sie den Hacker verfolgt haben?" "Das letzte Mal haben wir ihn zu einem Computer an der Univer- sität Bremen zurückverfolgt. Damals waren die Ziffern 5421. Die fünf bedeutet, daß ein Computer am anderen Ende ist. " Oh, die Adresse war codiert wie amerikanische Münztelefone, deren Nummern offenbar immer eine Neun an vierter Stelle ha- ben. "Also kommt die Verbindung nicht vom Computer der Uni- versität Bremen?" fragte ich. "Genau. Aber wir wissen noch mehr. Wir wissen, daß der Hacker von einem Telefonanschluß kommt. Er meldet sich von einem Ortstelefon an. " "Wissen Sie seine Telefonnummer?" "Nein, aber die Bundespost kann feststellen, welche Telefon- nummer er hat. " Steves Neuigkeiten brachten uns einen Schritt näher an ihn ran. Der Hacker konnte sich nicht hinter der Universität Bremen ver- stecken. "Wann werden wir also den Standort seiner elektronischen Adresse finden?" "Bald. Ich hab Wolfgang gebeten, sie nachzuschlagen. " "Wer ist das?" "Wolfgang Hoffmann. Der Datexnetzkoordinator in Deutsch- land. " "Sie telefonieren mit ihm?" "Natürlich nicht", sagte Steve. "Wir schicken uns elektronische Post. " Hätt ich mir denken können. Ich fragte weiter: "Und er hat die Adresse von heute noch nicht dekodiert, was?" "Genau. Bis die Bundespost die Adresse dekodiert hat, können wir nicht viel tun... bleiben Sie dran, da gibt's was... eine Nachricht aus Deutschland. " Steve hatte offenbar eine direkte Leitung nach Deutschland und tauschte Nachrichten mit Ländern, wie ich vielleicht eine Notiz in Umlauf geben würde. Steve übersetzte die Notiz. "Wolfgang sagt, der Hacker käme von einem Telefonanschluß. Er hat sich über eine Telefonleitung ein- gewählt. " "Das wußten wir schon. " "Ja, aber er kommt nicht aus Bremen. Heute ruft er von Hannover aus an. " "Also, wo ist er denn nun? In Bremen oder Hannover?" "Wolfgang weiß es nicht. Er könnte auch in Paris sein und ein Ferngespräch führen. " Wieder ein Blitzbesuch in der Bibliothek. Der Atlas zeigte, daß Hannover etwa 200 Meilen südlich von Bremen liegt. Sah nach Großstadt aus, ungefähr eine halbe Million Leute. Lieber Gott - der Stoff, aus dem Reiseberichte sind... Wählte ein Bremer Student Hannover? Unwahrscheinlich. Auch wenn die Universität in Ferien war, konnte er einfach den Datex- Anschluß von Bremen wählen. Ein Student in Bremen würde kein Ferngespräch nach Hannover führen. Ah, aber wenn die Universität Ferien macht, fahren Studenten nach Hause. Verfolgte ich einen Zweitsemester, der in den Ferien zu Hause war? War das aber wirklich ein Student? Die Aufmerksamkeitsspanne von Studenten reicht üblicherweise nicht über sechs Monate. Sie würden nach Spielen und akademischer Software suchen, nicht nach militärischen Stichwörtern. Und würde ein Student nicht eine Art Unterschrift oder einen Witz zurücklassen? Uns quasi die Zunge rausstrecken? Wenn das kein Student war, warum kam er dann von zwei Orten in Deutschland? Vielleicht kannte er einen Weg, um sich auf der Fernleitung nach Hannover hineinzuwählen - vielleicht ein un- geschützter Computer oder mit einer gestohlenen Telefonkredit- karte. Gestern Bremen. Heute Hannover. Wo versteckt er sich morgen? Der einzige Weg, das rauszufinden, war, ihn weiter zu beobach- ten. Heimlich. Ich hatte vier Monate gewartet. Und konnte es auch noch etwas länger. 35. Kapitel "Sie brauchen eine deutsche Abhörgenehmigung. " Steve White von Tymnet rief zurück. Er hatte gerade elektroni- sche Post von Wolfgang Hoffmann bei der Deutschen Bundespost bekommen. Wolfgang war scharf darauf, dem Hacker nachzuset- zen, brauchte aber eine gesetzliche Genehmigung, die Leitungen zu verfolgen. "Wie kriegt man in der Bundesrepublik Deutschland eine Geneh- migung?" fragte ich Steve. "Ich weiß nicht, aber die Bundespost sagt, sie werden das morgen mit dem Gericht in Hannover besprechen. " Eine gute Nachricht. Irgendwo in Deutschland brachte Wolfgang Hoffmann die Räder zum Rollen. Mit etwas Glück bekamen sie eine richterliche Genehmigung, verfolgten ein paarmal die Lei- tung und verhafteten den Kerl. Steve White war weniger optimistisch. "Wenn der Hacker auftaucht, müssen die Deutschen das Datex-P- Netz verfolgen, die Telefonnummer finden, die der Hacker ruft, und dann diese Telefonleitung verfolgen. " "Oje", sagte ich und dachte an meine Hetzjagden in Berkeley und Virginia. Wenn Wolfgang Hoffmann und sein Team nicht gedul- dig, kompetent und clever waren, würde ihnen der Hacker ent- wischen. Zu vieles konnte schiefgehen. Der Hacker konnte aus einem an- deren Land kommen. Er konnte eine Telefonleitung von einer an- deren Stadt benutzen, versteckt hinter einem weitverzweigten Telefonsystem. Das Gericht konnte die Abhörgenehmigung ver- weigern. Oder der Hacker roch den Braten und merkte, daß ihm jemand auf der Spur war. Wolfgang schickte noch eine Nachricht: >Bis die Genehmigung er- teilt wird, registrieren wir den Namen der Datex-P-Benutzerken- nung.< Steve erklärte: "Wenn Sie Tymnet oder Datex benutzen, bezahlt jemand dafür. Wenn Sie das Netzwerk benutzen, müssen Sie Ihre Kontonummer und Ihr Passwort eingeben. Die Deutschen werden feststellen, wer für die Verbindungen des Hackers bezahlt. Wenn wir ihnen melden, daß der Hacker da ist, verfolgen sie nicht nur ihr Datex-P-Netz, sondern ermitteln auch den Kontennamen, der für die Verbindung bezahlt. " Ich verstand. Wenn der Hacker eine fremde Kontennummer und ein fremdes Passwort gestohlen hatte, konnte er wegen Diebstahls angeklagt werden, und eine Abhörgenehmigung wäre leicht zu erhalten. Andererseits, wenn er seine Verbindungen selbst be- zahlte, wäre es leicht, seinen Namen zu ermitteln, und eine rich- terliche Genehmigung wäre unnötig. Vielleicht mußten sie nicht mal seine Telefonleitung überwachen. Kein Zweifel, dieser Wolfgang war auf Zack. Er suchte nach Ab- kürzungen, um Fangschaltungen zu umgehen. Zur selben Zeit ba- stelte er an einer Anklage gegen den Hacker. Am Samstag, dem 20. Dezember 1986, rief mich Steve zu Hause an. Und Martha funkelte mich an, weil ich den Brunch kalt wer- den ließ. Steve hatte gerade wieder eine Nachricht aus Deutsch- land bekommen. Die Bundespost hatte den Staatsanwalt von Bre- men, Herrn von Vock, kontaktiert. (Das ist vielleicht ein nobler Titel, dachte ich.) Die Nachricht aus Deutschland lautete: >Der BRD-Staatsanwalt muß mit hochgestellten Personen der US-Strafjustiz Kontakt auf- nehmen, um die richtigen Genehmigungen ausstellen zu können. Die Bundespost kann nichts unternehmen, solange sie nicht von einer hochrangigen US-Kriminalbehörde offiziell benachrichtigt wird.< Was ist eine hochrangige US-Kriminalbehörde? Die Mafia? Was immer sie meinten, ich kümmerte mich besser selber drum, daß die Leute was taten. Ich rief meinen Chef Roy Kerth an, der mürrisch bemerkte, daß die Deutschen sechs Monate gebraucht hätten, um dieses Pro- blem zu entdecken. "Wenn sie nur halbwegs kompetent wären, säße der Hacker schon hinter Schloß und Riegel. " Um diesen Aal zu fangen, mußten wir alle am selben Netz ziehern. Das hitzige Temperament meines Chefs beflügelte nicht gerade die Harmonie von Besprechungen, wie sollte es da die internatio- nale Zusammenarbeit befördern? Vielleicht wäre ich besser dran, dachte ich, wenn ich mich an unseren hauseigenen Rechtsbei- stand wandte. Aletha Owens wußte, was zu tun war. "Ich werde Deutschland anrufen und direkt mit ihnen verhan- deln. Sie brauchen wahrscheinlich jemanden vom FBI, aber ich werde die Sache ins Rollen bringen. " "Schprecken Zi Teutsch?" "Seit 10 Jahren nicht mehr", sagte Aletha. "Aber ich werde die alten Berlitz-Kassetten rauszerren. " Am Sonntagmorgen rief Aletha wieder an. "Hey, main Teutsch is garnischt so schlächt. Ain paar Probläme mit der Futur, aber nicht schlächt. Nicht schlächt. " "Schon gut, aber was'haben Sie erfahren?" "Nun, ich hab alles mögliche über transitive Verben erfahren und . . . " "Und was ist mit dem Hacker?" "Ach der... Äh, ja... " Aletha parodierte den akademischen Ton. "Der deutsche Staatsanwalt ist ein äußerst zuvorkommender Herr, der es als seine vornehmste Aufgabe betrachtet, sowohl die Freiheit als auch das Eigentum zu schützen. Er braucht demnach ein offizielles Gesuch, um ein Ermittlungsverfahren einleiten zu können. " "Und wer sind die Offiziellen?" "Das FBI. Wir müssen das FBI bitten, sein deutsches Gegenstück zu kontaktieren. Oder vielleicht sollte ich >Sie< sagen, weil ich nächste Woche nicht da bin. " Auf meinen Schultern lag also die Bürde, das FBI so weit zu krie gen, daß sie die Deutschen baten, ein Verfahren einzuleiten. Toll - schon wieder eine Gelegenheit für sie zu sagen: "Geh aus der Leitung, Kleiner. " Ich hinterließ eine Nachricht für Mike Gibbons im FBI-Büro Alexandria, Virginia. Erstaunlicherweise rief Mike zehn Minuten später aus Colorado an: "Hallo, Cliff. Ich hoffe, es ist was Wichtiges. " "Tut mir leid, wenn ich Sie störe, aber der deutsche Staatsanwalt muß mit jemandem vom FBI reden. Wir haben unser Sorgenkind bis Hannover verfolgt. " "Na, da kann ich heute abend auch nichts mehr machen", sagte Mike. "Und ich habe keinerlei Unterlagen hier. " Theoretisch mußte der Repräsentant des FBI in Deutschland Kon- takt mit seinem dortigen Gegenstück aufnehmen, und dann würde die Sache von da aus weiterlaufen. Mike sagte, daß dieser Mensch, der US Legal Attache, in Bonn wohne und die Justiz- angelegenheiten zwischen beiden Staaten regele. In gewissem Sinn sei das der Repräsentant des FBI in Deutschland. Schon so viel sei verraten: Im Verlauf der nächsten paar Monate würde ich noch oft von dem US Legal Attache hören. Ich erfuhr seinen Namen nie, obwohl sich jede Menge Flüche gegen ihn richten sollten. Am nächsten Tag wühlte sich Mike durch die Strafgesetze. "Die Sache wird vom Computerbetrugsgesetz abgedeckt. Ganz klarer Fall. " "Aber der Kerl hat doch nie einen Fuß in die Staaten gesetzt", bemerkte ich. "Wie können Sie jemanden aus einem anderen Land kriegen?" "Er wird wahrscheinlich nicht ausgeliefert, wenn Sie das mei- nen. Wir können aber eine Anklage erzwingen und ihn in ein deutsches Gefängnis bringen, insbesondere wenn das deutsche Gesetz unserem ähnlich ist. " "Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß das FBI die ganze Sa- che fallenläßt?" "Gleich Null, wenn ich's verhindern kann", sagte Mike. "Wir müssen mit den Anwälten im Justizministerium zusammenarbei- ten, aber ich seh da kein Problem. " Ich glaubte ihm immer noch nicht. Für mich lag der Fall klar, aber er war zu komplex, um ihn einem Strafjuristen auseinanderzuset- zen. "Kann ich was tun, was Ihnen weiterhelfen könnte?" fragte ich Mike. "Stellen Sie sich vor, das gibt's in der Tat. Könnten Sie eine Zusammenfassung über den Hacker schreiben? Sie wissen schon, ein Profil, und uns beschreiben, nach wem wir suchen. Dinge wie: Wann er aktiv ist. Worin er Experte ist. Persönliche Eigenheiten. Spekulieren Sie nicht, aber versuchen Sie, unseren Mann zu charakterisieren. " Ein nützliches Projekt, um mich einige Tage lang davon abzuhal- ten, Mike noch mehr auf die Nerven zu gehen. Ich kämmte mein Tagebuch durch und stellte ein Profil meines Hackers zusammen. Diese Arbeit hätte mich eigentlich für einige Tage aus der Schuß- linie bringen sollen. Aber der Ärger kam von einer anderen Front. Jemand von der NSA hatte beim Energieministerium über mein Tun und Treiben geplaudert. Nun waren die stinksauer, weil sie nicht früher - und direkt - darüber unterrichtet worden waren. Roy Kerth hielt mich im Korridor an. "Das DOE will uns eine Rüge erteilen, weil wir's nicht gleich von diesem Vorfall in Kenntnis gesetzt haben. " "Aber das haben wir doch", wandte ich ein. "Vor mehr als zwei Monaten. " "Beweisen Sie es. " "Klar. Es steht in meinem Tagebuch. " Roy wollte es sehen, also gingen wir hinüber zu meinem Macin- tosh und riefen das Tagebuch auf. Tatsächlich zeigte der 12. No- vember 1986, daß ich das DOE informiert hatte. Ich hatte eine Zusammenfassung des Gesprächs aufgeschrieben und sogar die Telefonnummer hinzugefügt. Das DOE durfte sich nicht be- schweren - wir konnten beweisen, daß wir es informiert hatten. Gerettet. Meinem Tagebuch sei Dank. Genau wie mit dem Teleskop beobachtet: Wenn man's nicht do- kumentiert, kann man's auch genausogut sein lassen. Natürlich braucht man leistungsfähige Teleskope und Computer. Aber ohne Protokoll ist jede Beobachtung fast belanglos. Der Hacker machte Ferien und tauchte erst am 29. Dezember wie- der auf. Zwei Minuten. Diesmal hatte Steve die Spur fast zu Ende verfolgt. Weit genug, bis nach Deutschland, und nahe dran. Aber knapp vorbei ist auch daneben. Einminütige Verbindungen wie diese frustrierten mich. Es machte mir nichts aus, zu meinen Abhörmonitoren zu sprinten, aber ich hatte immer Schuldgefühle, Tymnet wegen der Verfol- gung anzurufen. Sie waren uns gegenüber nicht dazu verpflichtet - wir waren für sie nur ein Kleinkunde. Und Steve White stellte freiwillig seine Freizeit zur Verfügung, um uns zu helfen. Am 30. Dezember, etwa um 5 Uhr morgens, quiekte mein Piepser, und ich rief automatisch Steve White zu Hause an. Er war nicht sehr erfreut, mich zu hören. "Der Hacker ist dran. " "Ach, ich war gerade mitten in einem Traum. Sind Sie sicher, da@ er's ist?" Sein britischer Akzent verbarg seinen Ärger nicht. "Ich bin nicht sicher, aber ich finde es in einer Minute raus. " "Okay, ich starte eine Verfolgung. " Steve ließ sich eine Menge von mir gefallen. Von zu Hause aus wählte ich meinen Unix-Computer an. Ver- dammt. Kein Hacker. Die Elektriker hatten meinen Alarm ausge- löst, als sie einen benachbarten Computer ausschalteten. Ich fühlte mich wie ein begossener Pudel und rief Steve White zu- rück. "Sagen Sie, Cliff", seine Stimme klang immer noch schläfrig, "ich finde niemanden in Ihrem Computer eingeklinkt. " "Äh, ja. Falscher Alarm. Tut mir leid. " "Kein Problem. Vielleicht klappt's das nächste Mal. " Mann, war das ein guter Kerl. Wenn mich jemand, den ich noch nie gesehen habe, aus dem Bett holen würde, um ein Phantom in einem Computer zu jagen... Zum Glück hatte mich nur Steve >Haltet den Dieb!< schreien hö- ren. Wie wäre es wohl um meine Glaubwürdigkeit bestellt gewe- sen, wenn ich Deutschland oder das FBI verständigt hätte? Von jetzt an würde ich jeden Alarm doppelt überprüfen. 36. Kapitel An Silvester saßen wir mit Freunden am Feuer, schlürften Punsch und hörten der Ballerei zu, die die Idioten in der Nach- barschaft veranstalteten. "Hey", sagte Martha, "wir sollten uns ranhalten, wenn wir bis zwölf Uhr noch was mitkriegen wollen. " San Francisco gab für die ganze Stadt eine Silvesterparty, um den Bürgerstolz zu för- dern und den Leuten eine Alternative zu Besäufnissen und Prü- geleien zu bieten. Es gab Musik, Tanz, Theater und Variete an mehreren Orten in der ganzen Stadt, zwischen denen die Cable Cars pendelten. Wir quetschten uns zu siebt in den alten Volvo unserer Untermie- terin und fuhren, eingekeilt in einer zielstrebigen Blechlawine, im Schneckentempo nach San Francisco. Statt zu hupen, bliesen die Leute Luftschlangen aus den Autofenstern. Schließlich ge- langten wir in die hell erleuchtete Stadt, ließen das Auto ir- gendwo stehen und eilten zu einer Flamencovorführung. Wir bahnten uns einen Weg zum Mission District - das latein- amerikanische Viertel der Stadt - und kamen zu einer brechend vollen katholischen Kirche, in der die Leute schon ungeduldig warteten. Ein Gesicht - ziemlich belämmert - tauchte vor dem Vorhang auf und erklärte: "Die Beleuchtung funktioniert leider nicht, deshalb verschieben wir die Vorstellung. " Mitten in dem Protest- und Buhgeschrei stand Martha auf urnd schob mich nach vorne. Ich hatte immer noch eine Elektriker- lizenz, und sie hatte schon bei vielen Amateurtheatern Technike- rin gespielt. Wir schlüpften hinter die Kulissen. Die Flamenco- tänzerinnen in ihren glitzernden Kostümen rauchten und schritten wie Tiger im Käfig auf der dunklen Bühne hin und her, trommelten mit den Füßen und warfen uns zweifelnde Blicke zu. Martha machte sich daran, den Kabelwust zu entwirren, während ich im Schaltkasten die ausgefallene Sicherung suchte. Rasch die Sicherungen wieder eingeschaltet, und wie durch ein Wunder flammten die Bühnenlichter auf. Die Tänzerinnen stampften und srhrien Beifall, und als Martha das letzte Kabel sauber aufgerollt und die Schalttafel in Ordnung gebracht hatte, zog uns der Conferencier auf die Bühne und dankte uns. Nachdem wir dem Licht der Öffentlichkeit entkom- men waren, genossen wir Faro und Flamenco - die mißmutigen und nervösen Geschöpfe, die wir auf der dunklen Bühne gesehen hatten, hatten sich plötzlich in elegante, wirbelnde Tänzerinnen verwandelt. Wir schlüpften nach draußen und erwischten einen Bus, der von einer alten Dame gefahren wurde, die in Erscheinung und Sprechweise auch als Miss Ellie von >Dallas< hätte durchgehen können. Sie manövrierte den Bus mutig durch die überfüllten Straßen, und wir fanden uns am Women's Building in der 18. Straße wieder. Dort tanzten >Wallflower Order< und erzählten Geschichten über Feminismus und sozialen Protest. Ein Tanz handelte von Wu-Shu, einem Affen aus der chinesi- sr.hen Sagenwelt, der die habgierigen Kriegsherren besiegte und dem Volk das Land zurückgab. Ich saß auf dem Balkon und dachte an politisch korrekte Affen - hatten mich die Kriegsherren in der Hand? Oder war ich wirklich ein schlauer Affe auf der Seite des Volkes? Ich wußte es nicht, also vergaß ich meinen Hak- ker und genoß den Tanz. Wir beschlossen das Ganze mit wildem Getanze zu den Klängen einer Rhythm & Blues-Band mit der Leadsängerin Maxine Ho- ward - eine sensationelle Sängerin und die schärfste Frau der Weltgeschichte. Sie pickte sich Leute aus dem Publikum heraus und tanzte mit ihnen auf der Bühne, und bald hievten wir eine protestierende Martha zu ihr hoch. Nach ein paar Minuten hatten sie und ihre Leidensgenossen ihre Bühnenangst überwunden und gruppierten sich zu einer ganz gut synchronisierten Chorus line, die kleine Handbewegungen wie einst die Supremes machte. Ich war noch nie so sehr fürs Tanzen gewesen, aber um zwei Uhr oder so hüpfte und drehte ich mich immer noch mit Martha und hob sie hoch in die Luft... Endlich hatten wir genug Kultur und Vergnügen getankt und gin- gen im Haus eines Freundes im Mission District zu Bett. Ich dachte, ich hätte mich gerade erst hingelegt (in Wirklichkeit war's 9 Uhr morgens), als mich mein Piepser weckte. Was? Du arbeitest am Neujahrstag? Gönn mir doch mal'ne Pause, dachte ich. Dieser Hacker! Ich hatte keine Lust, Steve White am Neujahrsmorgen anzurufen, und bezweifelte, ob die Deutsche Bundespost an einem Feiertag viel tun konnte. Und überhaupt war ich zehn Meilen von meinem Labor weg. Eingesperrt fühlte ich mich, während der Hacker frei herumlau- fen konnte. Wenn er mir eine Nase drehen wollte, hatte er den Weg gefunden. Einfach auftauchen, wenn ich nichts tun konnte. Außer mir Sorgen zu machen, konnte ich wirklich nichts tun, also versuchte ich zu schlafen. Mit Marthas Armen um mich kam die Ruhe leicht. "Komm her, mein Schatz", schnurrte sie. "Gib dem Hacker Urlaub. " Ich sank auf die Decken. Hacker oder nicht, wir würden Neujahr feiern und verschliefen den ganzen Morgen. Um die Mittagszeit fuhren wir wieder nach Hause. Claudia begrüffte uns mit einer Violinsonate... Sie hatte Silvester auf irgendeiner Millionärs- party gespielt. Martha fragte sie nach dem Job. "Du hättest die Canapees sehen sollen!" antwortete Claudia. "Wir mußten Stunden rumsitzen und sie anstarren, bis sie schließlich sahen, wie armselig wir da- saßen und uns ein paar brachten. Es gab einen ganzen geräucher- ten Lachs und Kaviar und in Schokolade getauchte Erdbeeren und ... " Martha unterbrach sie: "Ich meinte, welche Musik ihr gespielt habt. " "Ach, wir haben diese Mozartsonate gespielt, die allen gefällt und die >Dideldumdideldadada< geht. Dann wollten sie wider- liche Sachen hören wie My Wild Irish Rose. Ich dachte, mir wird schlecht, aber schließlich waren es 125 Dollar für zwei Stunden, und es lag auf dem Weg zu meiner Mutter, und ich konnte den Hund dalassen und in Santa Rosa droben ein bißchen einkau- fen ... " Martha warf ein Wort von wegen Frühstück ein. Wir waren alle in der Küche und machten Waffelteig und Obstsalat, als mein Piep- ser losging. Verdammt. Schon wieder der Hacker. Martha fluchte, aber ich hörte sie kaum: Ich flitzte hinüber zu meinem Macintosh und wählte das Labor. Da war der Hacker tatsächlich, eingeloggt als Sventek. Es sah so aus, als benutze er das Milnet, aber ich konnte nicht sicher sein, bevor ich nicht ins Labor ging. In der Zwischenzeit rief ich vor- sichtshalber Steve White von Tymnet an. Keine Zeit - der Hacker verschwand nach einer Minute wieder. Er spielte mir den ersten Streich im neuen Jahr. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Scherben aufzusam- meln. Ich schlang die Waffeln hinunter und radelte hinüber ins Labor. Dort fand sich die Neujahrsfeier meines Hackers auf den Druckern. Ich kritzelte Notizen auf die Ausdrucke, neben seine: 4.2 BSD UNIX (lbl-ux4) login: sventek Der Hacker loggt sich als Sventek ein und Password: Iblhack nennt sein gegenwärtiges Passwort Last login: Mon Dec 29 13:31:43 on ttyi7 4.2 BSD UNIX # 20: Fri Aug 22 20:08:16 PDT 1986 z % telnet Er geht über das Milnet raus und in die telnet> open optimis Optimis-Datenbank der Army ****** OPTIMIS ****** For user assistance, call 695-5772, (AV) 225 Username: ANONYMOUS Er loggt sich dort anonym ein und Password: GUEST benutzt ein geeignetes Passwort Welcome to the Army OPTIMIS database If you use these databases and they achieve a savings in time spent on a project or money saved to the gouvernment please send a mail message outlining the details to Maj Gene Le Clair, Chief, OPTIMIS WELCOME TO OPTIMIS THE DATA BASE WAS LAST UPDATED ON 861O24 AT 1O2724 AND CONTAINS 3316 DOCUMENTS This data base is an extract of AR 25-4OO-2, Modern Army Record- keeping System (MARKS) to help you identify information for filing. Please enter a word or'EXlT'. Sucht nach SDI-Stoff / sdi The word,,sdi" was not found. Ist aber keiner da Please enter a word or'EXlT'. / stealth Irgendein Wort über den Stealth-Bomber? The word,,stealth" was not found. Pech Please enter a word or'EXlT'. / sac Strategic Air Command? The word,,sac" was not found. Nee Mannomann! der Hacker war in eine Datenbank der Army ein- gebrochen und suchte nach Geheimprojekten der Air Force. So- gar ein Astronom wüffte was besseres. Er hatte jedoch schnell Er- folg: Please enter a word or'EXlT'. / nuclear Thank you. I have found 29 document(s) containing the phrase'nuclear'. ITEM # MARKS # TITLE 1 2O-1 f IG Inspections (Headquarters, Department the Army) 2 5O a Nuclear, chemical, and biological national security affairs 3 50 b Nuclear, chemical and biological warfare arms controls 4 50 d Nuclear and chemical strategy formulations 5 50 e Nuclear and chemical politico-military affairs 6 50 f Nuclear and chemical requirements 7 50 g Nuclear and chemical capabilities 8 50 h Theater nüclear force structure develop- ments 9 50 i Nuclear and chemical warfare budget formulations 10 50 j Nuclear and chemical progress and statistical reports 11 50 k Army nuclear, chemical, and biological defense program 12 50 m Nuclear and chemical cost analyses 13 50 n Nuclear, chemical warfare, and biological defense scientific and technical information 14 50 p Nuclear command and control communica- tions 15 50 q Chemical and nuclear demilitarizations 16 50 r Chemical and nuclear plans 17 50-5 a Nuclear accident/incident controls 18 50-5 b Nuclear manpower allocations 19 50-5 c Nuclear surety files 20 50-5 d Nuclear site restorations 11 50-5-1 a Nuclear site upgrading files 22 50-115 a Nuclear safety files 23 55-355 FRT d Domestic shipment controls 24 200-1 c Hazardous material management files 25 385-11 k Radiation incident cases 26 385-11 m Radioactive material licensing 27 385-40 c Radiation incident cases 28 700- 65 a International nuclear logistics files 29 1125-2-300 a Plant data Vor allem die Position 8! Also, auf solche Sachen würde ich nie kommen. Ich dachte immer, ein Theater sei etwas, wo man sich Schauspiele ansieht, kein Ort, wo man Kernwaffen entwickelt. Dieser Hacker trieb wahrhaftig keine Spielchen. Und er gab sich mit den Titeln dieser Dokumente nicht zufrieden - er machte einen Dump von allen neunundzwanzig über den Drucker. Seite um Seite füllte sich mit hochtrabendem Militärge- wäsch wie: TITLE: Nuclear, chemical, and biological national security affairs DESCRIPTION: Documents relating to domestic, foreign, and military police for the application of atomic energy, utilization of nuclear and chemical weapons, and biological defense relating to national security and national level crises management. Included are studies, actions, and directives of an related to the President, National Security Council, Assistant to the President for National Security Affairs, and interdepartmental groups and committees addressing national security affairs regarding nuclear and chemical warfare and biological defense. Da blockierte mein Drucker. Der alte DEC-Drucker hatte zehn Jahre lang treu seine Pflicht erfüllt und brauchte jetzt eine Generalüberholung mit dem Vorschlaghammer. Verdammt. Gerade als der Hacker die Pläne der Army für den Einsatz von Atombomben auf mitteleuropäische >Theater< auflistete, gab's nur einen >Tin- tenklecks<. Ich wußte nicht viel über Theater in Mitteleuropa, deshalb rief ich Greg Fennel bei der CIA an. Erstaunlicherweise ging er am Neujahrstag an sein Telefon. "Hallo, Greg - wieso sind Sie denn am Neujahrstag da?" "Sie wissen ja, die Welt schläft niemals. " "Hey was wissen Sie über Schauspielhäuser in Mitteleuropa?" fragte ich und stellte mich blöde. "Oh, nur ein bißchen. Was gibt's?" "Nicht viel. Der Hacker ist gerade in irgendeinen Armeecomputer im Pentagon eingebrochen. " "Was hat das mit Theater zu tun?" "Weiß ich nicht", sagte ich, "aber er schien sich besonders für >nuclear force structure developments in central European thea- ters< zu interessieren. " "Sie Dummkopf! >Theater< bedeutet im Englischen auch [Kriegs-] Schauplatz, Szenario. Das sind Planspiele der Army für einen Atomkrieg in Mitteleuropa. Himmel. Wie hat er denn die ge- kriegt?" "Seine üblichen Methoden. Hat das Passwort zur Optimis-Daten- bank der Army im Pentagon geraten. Die sieht aus wie eine Bi- bliographie von Armeedokumenten. " "Was hat er noch erwischt?" "Kann ich nicht sagen. Mein Drucker hat blockiert. Aber er suchte nach Stichwörtern wie >SDI<, >Stealth< und >SAC<. " "Das ist der Stoff für Comics. " Ich war nicht sicher, ob Greg Witze machte oder es ernst meinte. Wahrscheinlich ging es ihm mit mir genauso. Weil wir gerade dabei sind, woher sollten die Schnüffler eigent- lich wissen, daß ich sie nicht auf den Arm nahm? Nach allem, was sie wußten, konnte ich schließlich auch alles erfunden ha- ben. Greg hatte keinen Grund, mir zu trauen - ich war nicht sicherheitsüberprüft, hatte keinen Ausweis, nicht mal einen Trenchcoat. Wenn sie mich nicht hinter meinem Rücken aus- schnüffelten, blieb meine Glaubwürdigkeit ungeprüft. Ich hatte nur einen Schutz gegen diesen Treibsand von Miß- trauen. Die Tatsachen. Aber selbst wenn sie mir glaubten, wür- den sie wahrscheinlich nichts unternehmen. Greg erklärte: "Wir können nicht einfach Tejott nach Übersee schicken, damit er jemandem die Tür eintritt, verstehen Sie. " "Aber könnten Sie nicht, äh, ein bißchen rumschnuppern und feststellen, wer dafür verantwortlich ist?" Ich stellte mir schon wieder Schnüffler in Trenchcoats vor. Greg lachte. "So läuft das nicht. Vertrauen Sie mir - wir arbeiten dran. Und diese Neuigkeit wird Öl aufs Feuer gießen. " Soviel zur CIA. Ich konnte einfach nicht sagen, ob sie interessiert waren oder nicht. Am 2.Januar 1987 rief ich das FBI-Büro Alexandria an und ver- suchte, eine Nachricht für Mike Gibbons zu hinterlassen. Der diensthabende Agent, der den Anruf entgegengenommen hatte, sagte trocken: "Agent Gibbons bearbeitet diesen Fall nicht mehr. Wir schlagen vor, Sie wenden sich an das Büro in Oakland. " Super. Dem einzigen FBI-Agenten, der den Unterschied zwischen einem Netzwerk und einem Nichtswisser kennt, wird der Fall entzogen. Keine Erklärung. Und gerade dann, wenn wir das FBI brauchen. Wolfgang wartete noch immer auf eine Genehmigung des US Legal Attaches in Bonn. Eine Woche Warten, und sie war immer noch nicht durch. Zeit, an eine andere Tür zu klopfen. Zweifellos würde die National Security Agency von Lecks in einem Pentagon-Computer wissen wollen. Zeke Hanson in Fort Meade war am Apparat. "Ging die Armeeinformation direkt nach Europa?" fragte Zeke. "Ja, obwohl ich nicht weiß, wohin genau", sagte ich. "Sieht nach Deutschland aus. " "Wissen Sie, welcher Anbieter von internationalen Kommunika- tionswegen benutzt wurde?" "Tut mir leid, weiß ich nicht. Aber ich kann's aus meinen Auf- zeichnungen fischen, wenn's nötig ist. " Warum wollte die NSA wissen, wer den Datenverkehr übermit- telt hatte? fragte ich mich. Natürlich. Man munkelte, die NSA zeichne jedes transatlantische Ferngespräch auf Band auf. Viel- leicht hatten sie diese Sitzung aufgezeichnet. Aber eigentlich unmöglich. Wieviel Information überquert jeden Tag den Atlantik? Sagen wir, es gibt 10 Satelliten und ein halbes Dutzend transatlantische Kabel. Mit jedem werden 10 000 Tele- fonanrufe vermittelt. Also bräuchte die NSA mehrere tausend Tonbandgeräte, die rund um die Uhr laufen. Und das nur, um den Telefonverkehr abzuhören - es gibt schließlich auch noch Com- putermeldungen und Fernsehen. Es war einfach nahezu unmög- lich, meine besondere Sitzung herauszufischen, auch mit Hilfe eines Supercomputers. Aber es gab einen einfachen Weg, es her- auszufinden. Mal sehen, ob die NSA die fehlenden Daten be- schaffen konnte. Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder dem Telefonhörer zu. "Die Sitzungen an Neujahr waren von einer Druckerblockade un- terbrochen", erzählte ich Zeke, "deshalb fehlt mir eine Stunde von der Arbeit des Hackers. Denken Sie, Sie könnten das wieder- finden?" Zeke war übervorsichtig. "Wozu soll das wichtig sein?" "Nun, das kann ich nicht unbedingt sagen, weil ich es ja nicht gesehen habe. Die Sitzung begann um 8.47 Uhr am Neujahrstag. Schauen Sie doch mal, ob jemand in Fort Meade den Rest des Da- tenverkehrs von dieser Sitzung finden kann. " "Im besten Fall unwahrscheinlich. " Die NSA hörte immer bereitwillig zu; ließ aber die Rolläden run- ter, wenn ich Fragen stellte. Aber wenn sie ihre Hausaufgaben machten, mußten sie mich anrufen, um ihre Ergebnisse mit mei- nen zu vergleichen. Ich wartete darauf, daß jemand unseren Aus- druck sehen wollte. Es wollte keiner. Das brachte mich darauf, daß ich vor zwei Wochen Zeke Hanson gebeten hatte, eine elektronische Adresse zu entschlüsseln. Als ich das erste Mal eine Leitung bis Europa verfolgte, hatte ich die Adresse an Zeke weitergegeben. Ich fragte mich, was er damit ge- macht hatte. "Haben Sie schon herausgefunden, woher diese DNIC-Adresse kommt?" wollte ich wissen. "Tut mir leid, Cliff, diese Information steht nicht zur Verfügung. " Zeke hörte sich an wie eine Wahrsagemaschine vom Jahrmarkt, die antwortet: "Frage unklar, versuchen Sie es später wieder. " Zum Glück hatte Tymnet die Adresse schon ermittelt... nur hatte es Steve White ein paar Stunden gekostet. Vielleicht hat die NSA jede Menge Elektronikcracks und Compu- tergenies, die die Kommunikation der Welt abhören. Ich be- zweifle das. Ich hatte sie hier vor zwei recht einfache Probleme gestellt - eine Adresse finden und Datenverkehr wiedergeben. Vielleicht hatten sie das mit Erfolg gemacht, aber mir teilten sie keinen Pieps davon mit. Ich habe den Verdacht, sie taten gar nichts und versteckten sich nur hinter dem Schleier der Geheim- haltung. Jetzt mußte noch eine Gruppe informiert werden. Das Air Force OSI. Die Schnüffler der Air Force konnten wegen des Hackers nicht viel unternehmen, aber sie konnten wenigstens feststellen, wessen Computer weit offen standen. Jim Christys brummige Stimme kam knisternd über die Telefon- leitungen: "Also das Optimis-System der Army, ja: Ich werd 'n paar Anrufe machen und einigen was auf die Köpfe geben. " Ich hoffte, er machte Witze. Das Jahr 1987 begann also mit einem Fehlschlag. Dem Hacker standen unsere Computer immer noch frei zur Verfügung. Der einzige kompetente FBI-Agent war von dem Fall abgezogen wor- den. Die Schnüffler wollten keinen Ton sagen, und die NSA schien wenig begeistert. Wenn wir nicht bald Fortschritte machten, würde auch ich aufge- ben. 37. Kapitel Um die Mittagszeit am Sonntag, dem 4. Januar 1987, nähten Mar- tha und ich schon wieder an einer Patchwork-Decke, als mein Piepser losging. Ich sprang zum Computer, prüfte nach, ob der Hacker da war, und rief dann Steve White an. Innerhalb einer Mi- nute hatte er die Verfolgung gestartet. Ich wartete nicht, während Steve den Anruf verfolgte. Der Hacker war in meinem Computer, also radelte ich hinauf zum Labor und beobachtete ihn von da. Wieder ein 2O-Minuten-Rennen den Hü- gel hoch. Aber der Hacker ließ sich Zeit: Er tippte immer noch, als ich den Schaltraum erreichte. Unter dem Drucker hatte sich ein drei Zentimeter dicker Aus- druck angehäuft. Der Hacker war auch heute nicht faul gewesen Die erste Zeile zeigte, wie er sich mit Sventeks Namen maskierte. Nachdem er geprüft hatte, daß keiner unserer Systemverwalter in der Nähe war, ging er zurück zur Optimis-Datenbank des Penta- gon. Doch heute lief's nicht: Der Armeecomputer erwiderte: >Sie sind nicht berechtigt, sich heute einzuloggen.< Alle Wetter! Jim Christy mußte die richtigen Köpfe erwischt ha- ben. Ich ging den Ausdruck durch und konnte sehen, wie der Hacker wieder im Milnet fischen ging. Nacheinander probierte er fünf- zehn Computer aus, zum Beispiel in den Luftwaffenbasen Eglin, Kirtland und Bolling. Kein Glück. Er meldete sich bei jedem Computer an, drückte ein- oder zweimal die Klinke und ging dann weiter zum nächsten System. Bis er es beim Air Force Systems Command/Space Division, versuchte. Er drückte zuerst ihre Türklinke, indem er es über ihr Konto >sy- stem< versuchte, mit dem Passwort >manager<. Kein Glück. Dann >guest<, Passwort >guest<. Kein Effekt. Dann >field<, Passwort >service<: Username: FIELD Password: SERVICE WELCOME TO THE AIR FORCE SYSTEM COMMAND - SPACE DIVISION VAX/VMS 4.4 IMPORTANT NOTICE Computer System problems should be directed to the Information Systems Customer Service Section located in building 130, room 2359. Phone 643-2177/AV 833-2177. Last interactive login on Thursday, 11-DEC-1986 19:11 Last non-interactive login on Tuesday, 2-DEC-1986 17:30 WARNING - Your password has expired; update immediately PASSWORD! $ show process/privilege 4-JAN-1987 13:16:37.56 NTYI: User: FIELD Process privileges: BYPASS may bypass all system protections CMKRNL may change mode to kernel ACNT may suppress accounting messages WORLD may affect other processes OPER operator privilege VOLPRO may override volume protection GRPPRV group access via system protection READALL may read anything as the owner WRITEALL may write anything as the owner SECURITY may perform security functions Sesam öffne dich: Die Tür war weit aufgeschwungen, Er loggte sich als Wartungsservice ein. Nicht einfach als gewöhnlicher Be- nutzer. Ein völlig privilegiertes Konto. Der Hacker konnte sein Glück kaum glauben. Nach Dutzenden Versuchen hatte er den großen Coup gelandet. Systemoperator! Sein erster Befehl war, ihm zu zeigen, welche Privilegien er ein- geheimst hatte. Der Luftwaffencomputer antwortete automatisch: Systemprivileg und einen Schwung anderer Rechte, unter ande- rem die Fähigkeit, jede Datei auf dem System zu lesen, zu schrei- ben oder zu löschen. Er war sogar berechtigt, auf dem Luftwaffencomputer Sicher- heitsprotokolle laufen zu lassen. Ich konnte mir ihn vorstellen, wie er in Deutschland vor seinem Terminal saß und ungläubig auf den Bildschirm starrte. Er hatte nicht nur die volle Leistung des Computers des Space Command zur Verfügung; er beherrschte ihn. Irgendwo in Südkalifornien, in El Segundo, brach ein Hacker von der anderen Seite des Erdballs in einen großen VAX-Computer ein. Seine nächsten Schritte waren nicht überraschend - Nachdem er seine Privilegien gesehen hatte, inaktivierte er die Protokollierung seiner Jobs. Auf diese Weise hinterließ er keine Spuren; zumindest glaubte er das. Woher sollte er auch wissen, daß ich von Berkeley aus zusah? Überzeugt, daß er unentdeckt blieb, testete er die benachbarten Computer. In einem Augenblick hatte er vier am Netzwerk der Air Force entdeckt und einen Weg, um sich bei weiteren anzu- melden. Von seiner hohen Ebene herab blieb ihm keiner verbor- gen; wenn ihre Passwörter nicht zu raten waren, konnte er sie mit trojanischen Pferden stehlen. Das war kein kleiner Schreibtischcomputer, in den er eingebro- chen war. Er fand Tausende von Dateien in dem System und Hun- derte von Benutzern. Hunderte von Benutzern? Genau. Der Hak- ker listete sie alle auf. Aber er stolperte über seine Habgier. Er befahl dem Luftwaffen- computer die Namen aller seiner Dateien aufzulisten; der druckte munter und fleißig Namen wie >Laserdesignplans< und >Shuttlelaunchmanifest< herunter. Aber der Hacker wußte nicht, wie man den Wasserhahn zudreht. Zwei Stunden lang stürzte ein Wasserfall von Information auf sein Terminal. Um 14.30 Uhr legte er schließlich auf und dachte, er könnte sich einfach wieder zurück in den Luftwaffencomputer einloggen. Aber er konnte nicht wieder zurück. Der Luftwaffencomputer in- formierte ihn: Your password has expired. Please contact the system manager. Ich überflog den Ausdruck und erkannte, wo er Mist gebaut hatte. Der Computer hatte das Passwort >fieldservice< außer Kraft ge- setzt; der Hacker hatte eine Warnung erhalten, als er das erste Mal eingebrochen war. Wahrscheinlich setzte das System Passwörter nach ein paar Monaten automatisch außer Kraft. Um in der Maschine zu bleiben, hätte er sofort sein Passwort än- dern sollen. Statt dessen ignorierte er die Aufforderung. Jetzt ließ ihn das System nicht mehr zurück. Über Tausende von Meilen hinweg konnte ich seine Frustration spüren. Seine verzweifelten Versuche, in diesen Computer zu- rückzukommen, wurden von seinem eigenen blöden Fehler ver- eitelt. Er war über die Schlüssel zu einem Rolls-Royce gestolpert und hatte sie im Wagen eingeschlossen. Der Fehler des Hackers löste ein Problem: Was sollte ich dem Air Force Systems Command/Space Division erzählen? Weil Sonntag war, konnte ich heute niemanden anrufen. Und weil der Hacker sich selber ausgeschlossen hatte, war er für den Luftwaffencom- puter keine Gefahr mehr. Ich würde das Problem einfach den Schnüfflern von der Air Force berichten; sollten die sich damit rumschlagen. Während der Hacker durch den Computer der Air Force spaziert war, hatte Steve White die Leitungen von Tymnet verfolgt. "Er kommt über RCA", sagte Steve. "TAT-6. " "Wie? Was heißt das auf Englisch?" "Ach, eigentlich nichts. RCA ist einer der Anbieter internationa- ler Kommunikationswege, und heute kommt der Hacker über das transatlantische Kabel Nummer 6. " Steve bewegte sich in der weltweiten Kommunikation wie ein Taxifahrer im Stadtver- kehr. "Warum ist er nicht auf einer Satellitenverbindung?" "Wahrscheinlich, weil heute Sonntag ist, da sind die Kabelkanäle nicht so überfüllt. " "Wollen Sie damit sagen, daß die Leute lieber Kabel- als Satelli- tenverbindungen wählen?" "Genau. Wenn man über einen Satelliten verbunden wird, gibt's jedesmal eine Viertelsekunde Verzögerung. Die unterseeischen Kabel verlangsamen ihre Nachrichten nicht so sehr. " "Wen kümmert denn das?" "Leute am Telefon, meistens", sagte Steve. "Diese Verzögerungen verursachen hektische Gespräche. Wissen Sie, wo beide versu- chen, gleichzeitig zu sprechen und sich dann beide gleichzeitig den Vortritt lassen wollen. " "Wenn also die Telefongesellschaften versuchen, die Strecke über die Kabel herzustellen, wer will dann Satelliten?" "Fernsehsender, meistens. Fernsehsignale kann man nicht in un- terseeische Kabel quetschen, also schnappen sie sich die Satelli- ten Aber die Lichtleitertechnik wird das alles ändern. " Ich hatte schon von Lichtleitertechnik gehört. Übertragung von Kommunikationssignalen durch Fasern aus Glas statt aus Kupfer. Aber wer betreibt Glasfaserkabel unter dem Ozean? "Alle wollen es", erklärte Steve. "Es steht nur eine begrenzte Anzahl von Satellitenkanälen zur Verfügung - über Ecuador kann man eben nur soundsoviele Satelliten stehen haben. Und die Sa- tellitenkanäle sind nicht privat - jeder kann sie abhören. Satelliten mögen fürs Fernsehen gut sein, aber für Daten sind Kabel der einzig richtige Weg. " Meine Gespräche mit Steve White begannen immer mit einer Ver- folgung des Hackers, schweiften aber unweigerlich zu anderen Themen ab. Ein kurzer Schwatz mit Steve wurde in der Regel zu einem Tutorium über Kommunikationstheorie. Als ich merkte, daß der Hacker immer noch eingeklinkt war, bat ich Steve um die Einzelheiten der Verfolgung. "Ach ja. Ich habe es mit Wolfgang Hoffmann von der Bundespost überprüft. Ihr Besucher kommt heute aus Karlsruhe. Universität Karlsruhe. " "Wo ist denn das?" "Ich weiß nicht, aber ich glaube, im Ruhrgebiet. Liegt das nicht am Rhein?" Der Hacker nagte immer noch an dem Luftwaffencomputer herum, aber als er weg war, joggte ich rüber zur Bibliothek. Ja da ist Karlsruhe. Etwas mehr als 300Meilen weiter südlich von Bre- men. Am Rhein, aber nicht im Ruhrgebiet. Über den Grund des Atlantischen Ozeans läuft das Kabel TAT-6 und verbindet Europa und Amerika miteinander. Das westliche Ende der Verbindung kam durch Tymnet, dann durch die Law- rence-Berkeley-Labors, über das Milnet und endete beim Air Force Systems Command/Space Division. Irgendwo in diesem Karlsruhe kitzelte der Hacker das östliche Ende der Verbindung und wußte nicht, daß wir ihn aufs Korn nahmen. Drei verschiedene Orte in Deutschland. Mein Hacker kam herum. Oder vielleicht blieb er auch an einer Stelle und spielte >Bäum- chen wechsel dich< mit dem Telefonnetz. Vielleicht war er wirk- lich Student, besuchte verschiedene Universitäten und gab vor seinen Freunden an. War ich sicher, daß es nur einen Hacker gab - oder beobachtete ich mehrere Leute? Die Lösung hing davon ab, einmal die Verbindung bis zu Ende zu verfolgen. Nicht nur bis in ein Land oder eine Stadt, sondern den ganzen Weg zurück bis zu seiner Person. Aber wie sollte ich aus 8000 Meilen Entfernung eine Fangschaltung kriegen? Die Abhörgenehmigung! Hatte das FBI das Gesuch nach Deutschland auf den Weg ge- bracht? Hatten sie überhaupt Ermittlungen aufgenommen? Das letzte, was ich hörte, war, daß Spezialagent Mike Gibbons den Fall abgegeben hatte. Zeit, das FBI anzurufen. "Ich höre, Sie sind von dem Computerfall abgezogen worden", sagte ich zu Mike. "Kann ich da irgendwas machen?" "Kein Grund zur Sorge", sagte Mike. "Überlassen Sie das nur mir. Verhalten Sie sich ruhig, und wir werden Fortschritte ma- chen. " "Ist nun ein Verfahren eröffnet oder nicht?" "Fragen Sie mich nicht, weil ich's nicht sagen kann. Haben Sie nur Geduld, wir werden schon was erreichen. " Mike wich jeder Frage aus. Vielleicht konnte ich ihm ein paar In- formationen entlocken, wenn ich ihm von dem Luftwaffencom- puter erzählte. "Übrigens, der Hacker ist gestern in einen Computer der Air Force eingebrochen. " "Wo?" "Oh, irgendwo in Südkalifornien. " Ich sagte nicht, daß es die Hausnummer 2400 East EI Segundo Boulevard, gegenüber vom Flughafen von Los Angeles war. Er sagte mir nicht, was passierte, und so machte ich auf blöd. "Wer betreibt ihn?" "Irgendwer bei der Luftwaffe. Klingt irgendwie nach Perry Rhodan. Ich weiß nicht genau. " "Sie sollten das Air Force OSI anrufen. Die wissen, was da zu tun ist. " "Wird das FBI nicht ermitteln?" "Ich hab's Ihnen doch schon gesagt. Wir ermitteln. Wir machen Fortschritte. Es ist nur nichts für Ihre Ohren. " So viel dazu, aus dem FBI Informationen rauszuholen. Die Schnüffler der Air Force waren ein bißchen gesprächiger. Jim Christy kommentierte: "Systems Command? Der Mistkerl. " "Genau: Der Kerl wurde dort Systemverwalter. " "Systemverwalter beim System Command? Na, das ist ja lustig Hat er was Geheimes erwischt?" "Nicht, daß ich wüßte. Er hat wirklich nicht so viel gekriegt, bloß die Namen von ein paar Tausend Dateien. " "Verdammt. Wir haben's ihnen gesagt. Zweimal. " Ich war nicht sicher, ob ich das hören sollte. "Falls das was ändert", schob ich nach, "er wird nicht in Ihr System zurückkommen. Er hat sich selber ausgesperrt. " Ich erzählte ihm von dem außer Kraft gesetzten Passwort. "Das ist schön fürs Systems Command", sagte Jim "aber wie viele andere Computer sind genauso weit offen? Wenn die Space Division solchen Mist baut, sogar nachdem wir sie gewarnt ha- ben, wie sollen wir dann jemals durchdringen?" "Sie haben sie gewarnt?" fragte ich. "Verdammt deutlich sogar. Seit sechs Monaten sagen wir den Sy- stemoperatoren, sie sollen alle Passwörter ändern. Glauben Sie, wir haben Ihnen nicht zugehört, Cliff?" Heiliger Bimbam! Sie hatten meine Botschaft wirklich vernom- men und verbreiteten die Kunde. Zum ersten Mal deutete jemand wenigstens an, daß ich etwas bewirkt hatte. So, das Air Force OSI in Washington hatte die Nachricht an sei- nen Agenten in der Luftwaffenbasis Vandenberg geschickt. Er wiederum sollte bei der Space Division Kopfnüsse verteilen. Sie würden dafür sorgen, daß das Loch verstopft bliebe. Zwei Tage später saßen Dave Cleveland und ich vor seinem Ter- minal und flickten an abgestürzter Software herum. Mein Piepser ging los, und ohne ein Wort zu sagen, schaltete Dave das Termi- nal um auf den Unix-Computer. Sventek loggte sich gerade ein. Wir sahen auf den Bildschirm und nickten uns dann zu. Ich joggte hinüber zum Schaltraum, um die Aktion live zu beobach- ten. Der Hacker gab sich mit meinen Computern nicht ab, son- dern ging schnurstracks über das Milnet zur Air Force Space Division. Ich beobachtete ihn, wie er sich wieder als Wartungs- dienst einzuloggen begann und dachte, daß er gleich wieder rausgeschmissen würde. Aber nein! Das System begrüßte ihn wieder. Jemand von der Luft- waffenbasis hatte das Wartungsdienstkonto wieder mit demsel- ben alten Passwort aktiviert. Der Wartungstechniker mußte ge- merkt haben daß das Konto außer Kraft gesetzt war, und hatte den Systemverwalter gebeten, das Passwort zurückzusetzen. Zu dummt Sie hatten die Türen aufgeschlossen und den Zünd- schlüssel stecken lassen. Der Hacker verlor nicht eine Minute. Er ging direkt zu der Soft- ware, die die Zugangsberechtigungen verteilte und fügte ein neues Konto hinzu. Nein, kein neues Konto. Er suchte nach einem alten, unbenutzten Konto und modifizierte es. Ein Luft- waffenoffizier, Colonel Abrens, hatte ein Konto, war aber ein Jahr lang nicht an diesem Computer gewesen. Der Hacker modifizierte Colonel Abrens' Konto leicht und gab ihm Systemprivilegien und ein neues Passwort: >afhack<. >afhack< - welche Arroganz.! Er streckt der Air Force der Ver- einigten Staaten die Zunge raus. Von jetzt an brauchte er das Wartungsdienstkonto nicht mehr. Ge- tarnt als Offizier der Air Force hatte er unbeschränkte Zugangs- berechtigung zum Computer der Space Division und brachts schweres Gerät in Stellung. Das Air Force OSI hatte schon Dienst- schluß. Was sollte ich tun? Wenn ich den Hacker angemeldet ließe, würde die Air Force sensitive Information verlieren. Aber wenn ich ihn abhängte, würde er sich nur eine andere Strecke su- chen und die Überwachungsanlagen meines Labors umgehen. Wir mußten ihn beim Space Command abschneiden. Aber zuerst wollte ich ihn verfolgen lassen. Ein Anruf bei Steve White brachte den Stein ins Rollen. Innerhalb fünf Minuten hatte Steve die Verbindung nach Hannover zurückverfolgt und rief die Bundespost an. Ein paar Minuten Schweigen. "Cliff, sieht die Verbindung so aus, als ob sie lange dauern wird?" "Das kann ich nicht sicher sagen, aber ich glaub schon. " "Okay. " Steve war an einem anderen Telefon; ich konnte gele- gentlich einen Ausruf hören. Nach einer Minute kam Steve in meine Leitung zurück. "Wolf- gang überwacht den Anruf in Hannover. Ein Ortsgespräch. Sie versuchen, den ganzen Weg zurückzuverfolgen. " Das waren Neuigkeiten! Ein Ortsgespräch in Hannover bedeutete, daß der Hacker irgendwo in Hannover saß. Wenn nicht ein Computer in Hannover seine schmutzige Arbeit tat. Steve gab mir Wolfgangs Anweisungen durch: "Was Sie auch tun, klinken Sie den Hacker nicht aus. Halten Sie ihn in der Leitung, wenn Sie können!" Aber er klaute der Luftwaffenbasis Dateien. Es war, als ob man einen Einbrecher das eigene Haus ausräumen ließ und zusah. Sollte ich ihn rausschmeißen oder die Verfolgung weiterlaufen lassen? Ich konnte mich nicht entscheiden. Ich mußte eine Behörde verständigen. Wir wär's mit Mike Gib- bons vom FBI? Er war nicht da. Hey - das National Computer Security Center wäre vielleicht ge- nau das Richtige. Zeke Hanson wird bestimmt wissen, was jetzt zu tun ist. Kein Glück. Auch Zeke war nicht da, und die Stimme am ande- ren Ende der Leitung erklärte: "Ich würde Ihnen gerne helfen, aber wir konstruieren sichere Computer. Wir kümmern uns nicht um die anwendungsbezogenen Aspekte. " Das hatte ich schon gehört, danke. Na, dann gab's niemanden mehr außer der Air Force. Ich hängte mich an das Milnet Network Information Center und sah ihr Tele- fonbuch durch. Natürlich hatten sie ihre Telefon ummer geän- dert Sogar die Vorwahl stimmte nicht mehr. Als ich endlich den richtigen Menschen erreichte, war der Hacker schon kreuz und quer durch ihren Computer marschiert. "Hallo, ich möchte den Systemverwalter der VAX des Space Command sprechen. " "Hier Sergeant Thomas. Ich bin der Verwalter. " "Äh, ich weiß nicht recht, wie ich Ihnen das erklären soll, aber in Ihrem Computer ist ein Hacker. " Ich dachte: Er wird mir nicht glauben und wissen wollen, wer ich bin. "Wie? Wer sind Sie?" Sogar am Telefon konnte ich spüren wie er mich erstaunt ansah. "Ich bin Astronom am Lawrence-Berkeley-Labor. " Erster Fehler, dachte ich, kein Mensch glaubt dir das. "Woher wissen Sie, daß da ein Hacker ist?" "Ich beobachte ihn, wie er über das Milnet in Ihren Computer einbricht. " "Erwarten Sie, daß ich Ihnen das glaube?" "Schauen Sie sich doch Ihr System an. Listen Sie Ihre Benutzer auf. " "Okay. " Im Hintergrund höre ich Tippen. "Da ist nichts Ungewöhnliches. Siebenundfünfzig Leute sind eingeloggt, und das System verhält sich normal. " "Fällt Ihnen jemand Neues auf?" fragte ich. "Schauen wir mal... nein, alles ist normal. " Sollte ich's ihm sagen oder um den heißen Brei herumreden? "Kennen Sie jemanden namens Abrens?" "Ja. Colonel Abrens. Er ist gerade eingeloggt. " "Sind Sie sicher, daß er berechtigt ist?" "Teufel auch, na klar. Er ist Colonel. Mit dem Lametta macht man keine Schweinerei. " Es ging nicht weiter, wenn ich nur Leitfragen stellte, also konnte ich's ihm genauso gut sagen. "Also, ein Hacker hat Abrens'Konto gestohlen. Er ist jetzt gerade eingeloggt und macht einen Dump von Ihren Dateien. " "Woher wissen Sie das?" "Ich hab ihn beobachtet. Ich hab einen Ausdruck", sagte ich. " Er kam über das Wartungsdienstkonto rein und hat dann Abrens' Passwort geändert. Jetzt hat er Systemprivilegien. " "Unmöglich. Erst gestern hab ich das Passwort zum Wartungs- dienstkonto zurückgesetzt. Es war außer Kraft. " "Ja, ich weiß. Sie haben als Passwort >service< gesetzt. Das ist es auch schon letztes Jahr gewesen. Hacker wissen das. " "Da soll mich doch der Teufel holen. Bleiben Sie dran. " Ich hörte über Telefon, wie Sergeant Thomas jemanden heranrief. Ein paar Minuten später war er wieder in der Leitung. "Was sollen wir jetzt Ihrer Meinung nach tun?" fragte er. "Ich kann meinen Computer sofort zumachen. " "Nein, warten Sie noch etwas", sagte ich. "Wir verfolgen gerade die Leitung und umzingeln den Hacker. " Es war keine Lüge: Steve White hatte mir soeben Wolfgang Hoffmanns Bitte übermit- telt, den Hacker so lange wie möglich in der Leitung zu halten. Ich wollte nicht, daß Sergeant Thomas die Leitung kappte, bevor die Spur vollständig war. "Okay, aber wir rufen unseren vorgesetzten Offizier. Er wird das endgültig entscheiden. " Ich konnte es ihnen nicht verdenken. Ein völlig Fremder ruft aus Berkeley an und erzählt ihnen, daß jemand in ihr System ein- bricht. Während dieser Telefongespräche hatte ich beobachten können wie der Drucker jeden Befehl des Hackers aufs Papier haute. Heute listete er nicht alle Datennamen auf. Er machte das Gegen- teil: er listete einzelne Dateien auf. Er kannte die Namen der Da- teien schon, die er haben wollte; er brauchte nicht herumzukra- men und sie zu suchen. Ah. Ein wichtiger Hinweis. Vor drei Tagen hatte der Hacker die Namen von tausend Dateien aufgelistet. Heute ging er schnur- stracks zu den Dateien, die ihn interessierten. Er mußte seine ganze Sitzung ausgedruckt haben. Sonst hätte er die Dateien- namen vergessen. Also druckt der Hacker alles aus, was er bekommt. Ich wußte schon, daß er fein säuberlich Notizbuch führte - sonst hätte er einige Samen vergessen, die er vor Monaten ausgesät hatte. Ich erinnerte mich an das Treffen mit der CIA: Tejott hatte gefragt, ob der Hacker seine Sitzungen aufzeichnete. Jetzt wußte ich es. Am anderen Ende der Verbindung, irgendwo in Deutschland, saß ein entschlossener und methodischer Spion. Jeder Ausdruck, der über meine ÜberWÒachungsanlage ging, wurde in seinem Lager dupliziert. Welche Dateien listete er auf? Er übersprang alle Programme und ignorierte die Richtlinien für die Systemverwaltung. Statt dessen suchte er nach Einsatzplänen. Dokumente, die das Transportgut der Air Force für das Space Shuttle beschrieben. Testergebnisse von Satellitendetektorsystemen. SDI-Forschungsvorhaben. Eine Beschreibung eines Kamerasystems, das von einem Astronauten zu bedienen ist. Keine dieser Informationen trug den Vermerk >geheim<. Sie waren nicht geheim oder streng geheim, nicht mal vertraulich. Zumin- dest trug keine der Dateien diese Vermerke. Heute darf kein Militärcomputer am Milnet geheime Information enthalten. Es gibt ein zweites, völlig unabhängiges Computer- netzwerk, das geheime Daten bearbeitet. Also hatte die Systems Command/Space Division in einem gewissen Sinn nichts zu ver- lieren: Ihr Computer ist nicht geheim. Aber das Problem liegt tiefer. Für sich genommen, enthalten öf- fentlich zugängliche Dokumente keine geheimen Informationen. Sammelt man aber viele Dokumente, können sie Geheimnisse verraten. Die Bestellung einer Lieferung Titan durch einen Flug- zeughersteller ist bestimmt kein Geheimnis. Auch nicht die Tat- sache, daß dort ein neuer Bomber gebaut wird. Aber nimmt mar beides zusammen, hat man einen starken Indikator dafür, daß der neue Bomber von Boeing aus Titan besteht und also mit Über- schallgeschwindigkeit fliegen muß (weil gewöhnliches Alumi- nium hohe Temperaturen nicht aushält). Wenn man früher Information aus verschiedenen Quellen zusam- menfassen wollte, verbrachte man Wochen in einer Bibliothek. Heutzutage kann man mit Computern und Netzwerken in Minu- ten Daten zusammenstellen - sehen Sie sich nur an, wie ich die Ferngesprächsrechnungen von Mitre behandelte, um herauszu- finden, wo der Hacker überall zu Gast war. Durch die Analyse öffentlicher Daten durch Computer können Leute Geheimnisse aufdecken, ohne je eine geheime Datenbank zu sehen. 198 5 formulierte der damalige Nationale Sicherheitsbeauftragte John M. Poindexter seine Sorgen, die ihm dieses Problem machte. Er versuchte, eine neue Klassifikation für Information zu schaf- fen, >sensitiv, aber nicht geheim<. Solche Information sollte unterhalb der üblichen Ebenen von >streng geheim<, >geheim< und >vertraulich< liegen; der Zugang dazu sollte jedoch gewissen Ausländern verweigert werden. Er versuchte ungeschickterweise, diese Klassifikation auf wissenschaftliche Forschung anzuwenden - natürlich wehrten sich die Universitäten, und die Idee war gestorben. Als ich jetzt vor meiner Überwachungsanlage stand und den Hacker durch das System des Space Command streifen sah, erkannte ich ihre Bedeutung. SDI-Projekte der Air Force mochten nicht >streng geheim< sein, >sensitiv< waren sie mit Sicherheit. Was? Ich stimmte mit Vizeadmiral Poindexter überein? Dem Kerl, der Waffen in den Iran geschickt hatte? Wo gab's denn das, daß ich mit dem Chef von >Nationalheld< Ollie North einer Meinung war? Was da über meinen Bildschirm tanzte, waren dennoch ge- nau das, was er beschrieb: sensitive, aber nicht geheime Daten. Tymnet kam in die Leitung zurück. "Es tut mir leid, Cliff, aber die Verfolgung in Deutschland ist lahmgelegt. " "Können die den Anruf nicht verfolgen?" fragte ich, unsicher darüber, wen ich mit >die< eigentlich meinte. "Die Leitung des Hackers kommt wirklich aus Hannover", erwi- derte Steve. "Aber die Telefonleitungen von Hannover werden durch mechanische Relais vermittelt - laute, komplizierte, kleine Dinger - urd da müssen Menschen die Verbindung verfolgen. Man kann dem Anruf nicht mit einem Computer nachgehen. " Ich begann zu verstehen. "Sie meinen, daß jemand im Vermitt- lungsamt sein muß, um den Anruf zu verfolgen?" "So ist es. Und weil es in Hannover schon nach 22 Uhr ist, ist niemand mehr da. " "Wie lange würde es dauern, jemanden in die Vermittlung zu ho- len?" "Ungefähr drei Stunden. " Um die Leitung zu verfolgen, mußte ein Fernmeldetechniker der Bundespost in die Vermittlung kommen und den Relais und Drähten nachgehen. Soweit ich wußte, war es möglich, daß er so- gar auf einen Telefonmast hinaufsteigen mußte. In der Zwischenzeit schlitterte der Hacker durch den Luftwaffen- computer. Sergeant Thomas war immer noch dran - wahrschein- lich hatte er ein ganzes Sortiment Luftwaffenlametta angerufen. Ich stöpselte mein Telefon in die Leitung zur Air Force und machte Meldung: "Also, wir können die Sache heute nicht wei- terverfolgen. " "Verstanden. Wir werden den Hacker gleich abtrennen. " "Warten Sie eine Sekunde", sagte ich. "Machen Sie's so, daß er nicht sieht, daß Sie ihn rausschmeißen. Suchen Sie lieber einen Weg, bei dem er nicht merkt, daß Sie ihn entdeckt haben. " "Gewiß. Wir haben uns schon was ausgedacht", erwiderte Ser- geant Thomas. "Wir werden eine Meldung an alle im System schicken, daß unser Computer eine Fehlfunktion hat und gewar- tet werden muß. " Perfekt. Der Hacker wird glauben, das System wird wegen Reparaturen runtergefahren. Ich wartete eine Minute, und mitten in einer Seite mit SDI-Pro- jekten unterbrach folgende Meldung den Bildschirm des Hackers: System going down for maintenance, Backup in 2 hours. Er sah es gleich. Der Hacker loggte sich sofort aus und ver- schwand ins Nichts. 38. Kapitel Nachdem er in eine andere Militärbasis eingebrochen war, dachte der Hacker nicht daran aufzugeben. Er kehrte in unser Labor zu- rück und versuchte immer wieder, in das Air Force Systems Com- mand zuruckzukommen. Aber keiner seiner Zaubertricks funk- tionierte. Er konnte nicht in ihre Computer zurück. War wirklich clever gewesen, wie sie den Hacker ausgesperrt hat- ten. Sie klebten nicht einfach einen Zettel mit der Aufschrift >Hacker müssen draußen bleiben< dran. Statt dessen präparierten sie das gestohlene Konto des Hackers so, daß es fast funktionierte. Wenn sich der Hacker in sein gestohlenes Konto >Abrens< ein- loggte, akzeptierte ihn der Luftwaffencomputer, blaffte aber dann eine Fehlermeldung zurück - als ob der Hacker sein Konto falsch eingerichtet hätte. Ich fragte mich, ob der Hacker merkte, daß ich ihn an der Leine hatte. Jedesmal wenn's ihm gelang, in einen Computer einzubre- chen, wurde er entdeckt und rausgeschmissen. Aus seiner Sicht entdeckten ihn alle. Außer uns. In Wirklichkeit entdeckte ihn fast niemand. Außer uns. Er konnte nicht wissen, daß er in der Falle saß. Meine Alarmanla- gen, Monitore und elektronischen Stolperdrähte waren unsicht- bar für ihn. Die Verfolgungen von Tymnet - durch Satelliten und unter dem Ozean - waren völlig geräuschlos. Und jetzt war die Deutsche Bundespost auf seiner Fährte. Wolfgangs letzte Nachricht besagte, er richte es so ein, daß in der Vermittlungsstelle von Hannover jede Nacht bis zwölf Uhr ein Techniker sei. Das war teuer, also mußte er das mit uns abspre- chen. Noch wichtiger, die Deutschen hatten immer noch nichts vom FBI gehört. Zeit, Mike Gibbons anzurufen. "Die Deutschen haben vom FBI immer noch nichts erhalten", sagte ich. "Haben Sie 'ne Ahnung, warum nicht?" "Wir haben hier, äh, interne Probleme", erwiderte Mike. "Wird Sie nicht interessieren. " Interessierte mich schon, aber es hatte keinen Zweck, danach zu fragen. Mike würde keinen Ton sagen. "Was soll ich denn dann der Bundespost erzählen?" fragte ich. "Sie werden langsam kribbelig, weil sie so was wie eine offizielle Strafanzeige brauchen. " "Sagen Sie ihnen, daß der US Legal-Attache in Bonn das alles be- arbeitet. Der Papierkram kommt schon noch. " "Das haben Sie mir schon vor zwei Wochen gesagt. " "Und das sage ich jetzt wieder. " Setzen, Sechs. Ich gab die Nachricht an Steve bei Tymnet, der sie an Wolfgang weiterbeförderte. Die Bürokraten standen vielleicht nicht in Kontakt miteinander, wohl aber die Techniker. Unsere Beschwerden beim FBI sollten eigentlich dort durchs Büro laufen, dem amerikanischen Justizattache in Bonn geschickt werden und dann an das Bundeskriminalamt weitergegeben wer- den. Wahrscheinlich vermittelt das BKA dasselbe Image von Wahrheit und Gerechtigkeit in Deutschland wie das FBI in Ame- rika. Aber irgendwer verstopfte den Kommunikationsfluß unterhalb von Mike Gibbons. Nahezu alles, was ich tun konnte, war, Mike auf die Nerven zu gehen und in Tuchfühlung mit Tymnet und der Bundespost zu bleiben. Früher oder später würde das FBI an das BKA herantreten, und die Genehmigungen würden auftauchen. In der Zwischenzeit brauchten meine Astronomenkumpel Hilfe, und so verbrachte ich den Tag mit dem Versuch, die Optik des Teleskops für das Keck Observatorium zu verstehen. Jerry Nelson brauchte mein Programm, um die Leistung des Teleskops vorher- sagen zu können. Ich war kein Schrittchen vorangekommen, seit ich angefangen hatte, den Hacker zu jagen. Die anderen Systemprogrammierer saßen mir auch im Nacken. Für den mürrischen Wayne Graves sollte ich eigentlich einen Plattentreiber schreiben. "Schieb den Hacker ab. Schreib endlich mal Code", hatte er ge- nörgelt. Und Dave Cleveland erinnerte mich sanft daran, daß er zehn neue Workstations an unser laborinternes Netzwerk hängen mußte. Ich erzählte beiden, daß der Hacker >JSB< weg sein würde. Die Be- hauptung von Software-Entwicklern allüberall: Jetzt sehr bald. Auf meinem Weg zur Astronomiegruppe schlüpt'te ich einen Moment in den Schaltraum - gerade so lang, daß ich meine Über- wachungsanlage überprüfen konnte. Sie zeigte, daß jemand am Bevatron-Computer arbeitete und die Passwortdatei manipu- lierte. Einfach verrückt! Das Bevatron ist einer unserer Teilchenbe- schleuniger, und die zuständigen Programmierer arbeiteten alle an unserem Labor. Nur ein Systemverwalter konnte die Passwort- datei manipulieren. Ich blieb stehen und sah zu. Jemand richtete mehrere neue Konten ein. Es gab einen Weg, um festzustellen, ob das mit rechten Dingen zuging. Die Bevatron-Leute anrufen. Chuck McParland nahm ab. "Nein, ich bin der Systemverwalter. Sonst ist niemand berech- tigt. " "Äh, oh. Dann haben Sie ein Problem. Jemand spielt den lieben Gott in Ihrem Computer. " Chuck tippte ein paar Befehle ein und kam ans Telefon zurück. "Der Mistkerl. " Chucks Bevatron-Teilchenbeschleuniger schoß mit Hilfe von hausgroßen Magneten Atomfragmente auf dünne Targets In den sechziger Jahren waren seine Munition Protonen. Jetzt brachte er schwere Ionen aus einem Vorbeschleuniger fast auf Lichtge- schwindigkeit. Wenn die Physiker diese atomaren Partikel in die dünnen Folien geknallt haben, sichten sie die Trümmer und suchen nach Frag- menten, die vielleicht die Grundbausteine des Universums sind. Die Physiker warteten Monate auf Strahlzeiten; noch wichtiger- Auch Krebsopfer warteten. Das Bevatron kann Heliumionen bis fast auf Lichtgeschwindig- keit beschleunigen; dabei werden sie auf eine Energie von etwa 160 Millionen Elektronenvolt gebracht. Bei dieser Geschwindig- keit legen sie ein paar Zentimeter zurück und geben dann die meiste Energie an einer einzigen Stelle ab. Wenn man einen Krebstumor in den richtigen Abstand zu diesem Beschleuniger bringt, wird die meiste Energie der Teilchen in diesem Tumor abgegeben und zerstört ihn, ohne den übrigen Kör- per des Menschen zu beeinträchtigen. Anders als Röntgenstrah- len, die alles, was auf ihrem Weg liegt, einer Strahlung aussetzen, geben die Teilchen des Bevatron den Großteil ihrer Energie an einer Stelle ab. Das funktioniert besonders gut bei Gehirntumoren, die häufig inoperabel sind. Chucks Bevatron-Computer berechnen diesen >richtigen Ab- stand< und steuern auch den Beschleuniger, damit die richtige Energie angewandt wird. Wenn einer dieser beiden Faktoren falsch bestimmt wird, tötet man die falschen Zellen. Alle paar Sekunden wird ein Pulk Ionen aus dem Teilchenstrahl herausgelenkt. Indem Chucks Computer im richtigen Moment Magnete einschalten, lenken sie diese Ionen entweder zu einem physikalischen Experiment oder zu einem Krebspatienten. Ein Fehler im Programm ist für beide eine üble Sache... Der Hacker fummelte nicht nur an einem Computer herum. Er spielte mit jemandes Hirnstamm. Wußte er das? Ich bezweifelte es. Wie sollte er? Für ihn war der Bevatron-Computer nur ein weiteres Spielzeug - ein System, das man ausbeuten konnte. Seine Programme hatten keinen Aufkle- ber >Gefahr - medizinischer Computer. Nicht herumdoktern.< Er suchte nicht harmlos nach Information. Er hatte einen Weg gefunden, Systemverwalter zu werden, und drehte am Betriebs- system selbst herum. Unsere Betriebssysteme sind empfindliche >Geschöpfe<. Sie steu- ern das Verhälten des Computers, das Zusammenspiel seiner Pro- gramme. Systemverwalter stimmen ihre Betriebssysteme so fein ab, daß sie jedes bißchen Leistung aus dem Computer herausquet- schen. Ist das Programm zu langsam, weil es mit anderen Tasks konkurriert? Das bringt man in Ordnung, indem man den Sche- duler des Betriebssystems ändert. Oder vielleicht gibt es nicht genug Platz für zwölf Programme auf einmal? Dann ändert man die Art und Weise, wie das Betriebssystem Speicherplatz belegt. Baut man Mist, läuft der Computer nicht. Diesem Hacker war's egal, ob er ein fremdes Betriebssystem ka- puttmachte. Er wollte nur ein Sicherheitsloch bohren, damit er wieder reinkommen konnte, wann immer er wollte. Wußte er, daß er jemanden töten konnte? Chuck verrammelte sein System, indem er alle Passwörter än- derte. Und schon wieder war eine Tür vor der Nase des Hackers zugeschlagen. Aber eine Sorge war immer noch offenkundig: Ich jagte jemanden rund um die Welt und konnte doch nicht verhindern, daß er in jeden Computer einbrach, in den er wollte. Meine einzige Vertei- digung war, ihn zu beobachten und Leute zu warnen, die ange- griffen wurden. Klar, ich konnte ihn immer noch aus meinem Computer rausschmeißen und mir dann die Hände in Unschuld waschen. Meine früheren Befürchtungen schienen unberechtigt: Ich wußte jetzt, welche Sicherheitslöcher er ausnutzte, und es sah nicht so aus, als ob er Zeitbomben oder Viren in meinen Computer gelegt hätte. Ihn aus meiner Maschine werfen, hieße nur, die Fenster zuzu- mauern, durch die ich ihn beobachtete. Er würde weiter andere Computer angreifen und verschiedene Netzwerke benutzen. Ich hatte keine Wahl, als diesen Mistkerl so lange herumwandern zu lassen, bis ich ihn fangen konnte. Aber erklären Sie das mal dem FBI. Am Donnerstag, dem 8. Januar 1986, kam der FBI-Agent vor Ort, Fred Wyniken, vorbei. "Ich bin hier nur als Vertreter des Büros in Alexandria, Virginia", sagte Fred. "Ich verstehe nicht", sagte ich. "Warum wird der Fall nicht von dem Büro in Oakland bearbeitet?" "Die einzelnen FBI-Büros sind recht unabhängig voneinander", erwiderte Fred. "Was ein Büro für wichtig hält, kann ein anderes ignorieren. " Ich konnte mir denken, in welche Kategorie mein Fall seiner Meinung nach gehörte. Fred erklärte, daß er nicht wußte, wie wahrscheinlich eine An- klage sei, da er den Fall nicht bearbeitete, und stellte fest: "Aber ich würde sagen, die Chancen sind recht schwach. Sie können keine finanziellen Verluste nachweisen. Keine erklärtermaßen geheimen Daten. Und Ihr Hacker sitzt nicht in den Staaten. " "Ist das der Grund, weshalb mein zuständiges Büro den Fall nicht bearbeitet?" "Bedenken Sie, Cliff, daß das FBI nur an Fällen arbeitet, bei de- nen das Justizministerium Anklage erheben wird. Da keine ge- heime Information gefährdet worden ist, gibt's keinen Grund, sich der Hebel zu bedienen, die nötig sind, um diesen Fall zu lö- sen. " "Aber wenn Sie nichts unternehmen, wird dieser Hacker unsere Computer so lange bearbeiten, bis sie im Prinzip sein Eigentum sind. " "Sehen Sie mal, Cliff. Jeden Monat kriegen wir'n halbes Dutzend Anrufe, wo jemand sagt: >Hilfe! Jemand bricht in meinen Compu- ter ein. < Fünfundneunzig Prozent davon haben keine Aufzeich- nungen, keine Buchungskontrollen und keine Abrechnungs- daten. " "Moment mal. Ich habe Aufzeichnungen und Buchungsproto- kolle. Zum Teufel, ich habe jeden Anschlag, den dieser Kerl getippt hat. " "Dazu sage ich gleich was. In einigen Fällen, und Ihrer ist einer davon, gibt's eine gute Dokumentation. Aber das reicht nicht. Der Schaden muß hoch genug sein, um unseren Einsatz zu rechtferti- gen Wieviel haben Sie verloren? Fünfundsiebzig Cents?" Jetzt geht das schon wieder los, dachte ich wütend. Gewiß, un- sere Rechenkosten waren Kleingeld. Aber ich spürte eine größere Sache dahinter, vielleicht eine von nationaler Bedeutung. Mein FBI-Agent sah nur einen Abrechnungsfehler von sechs Bit. Kein Wunder, daß ich bei ihm kein Interesse weckte - von Unterstüt- zung ganz zu schWÒeigen. Wie lange noch, bis es jemand merkte? Vielleicht, wenn ein ge- heimer Militärcomputer betroffen war? Oder ein medizinisches High-Tech-Experiment geschädigt wurde? Und wenn ein Patient in einem Krankenhaus verletzt würde? Ich gab ihm also die Ausdrucke der letzten paar Wochen (nach- dem ich zuerst jeden auf der Rückseite unterschrieb - hatte was mit >Beweisvorschriften< zu tun) und eine Diskette mit den Tele- fonprotokollen von Mitre. Er würde alles an Mike Gibbons im Büro Alexandria schicken. Vielleicht fände sie Mike nützlich, um das FBI dazu zu bringen, mit dem BKA zu sprechen. Sehr entmutigend. Die deutschen Fernmeldetechniker hatten ihre Genehmigungen immer noch nicht, das FBI reagierte nicht, und mein Chef schickte mir eine barsche Notiz, in der er anfragte, wann ich endlich die Software für einen neuen Drucker schrei- ben wolle. Martha war auch nicht glücklich. Der Hacker brach nicht nur in Computer ein. Durch meinen Piepser war er auch bei uns zu Hause. "Tun denn das FBI oder die CIA nichts?" fragte sie etwas gereizt, "jetzt, wo's augenscheinlich Ausländer und Spione sind? Ich meine, sie sind doch schließlich Agenten - Wahrheit, Gerechtigkeit und American Way!" "Es ist dasselbe alte Zuständigkeitsproblem", antwortete ich. "Die CIA sagt, daß das FBI den Fall bearbeiten sollte. Und das FBI will ihn nicht anfassen. " "Tut wenigstens das Airforce-Büro was? Oder sonstwer?" "Dieselbe Geschichte. Das Problem geht von Deutschland aus, und jemand muß die Deutschen dazu bringen, es zu lösen. Das Air Force Office of Special Investigations kann nur an die Tür des FBI trommeln. " "Warum dann nicht die Schotten dichtmachen?" schlug Martha vor "Mauere deine Computer zu und laß den Hacker durch ihre spazieren. Niemand hat dich zum offiziellen Wächter über die Computer Amerikas ernannt. " "Weil ich wissen will, was da vorgeht. Wer dahintersteckt. Wo- nach gesucht wird" >Forschung<, die Worte von Luiz Alvarez klangen mir noch nach Monaten im Ohr. "Dann denk über eine Lösung deines Problems ohne das FBI nach. Wenn sie die deutschen Stellen nicht dazu bringen wollen, einen Anruf zu verfolgen, dann denk dir was anderes aus. " "Was denn? Ich kann die Deutsche Bundespost nicht anrufen und sagen: >Verfolgen Sie diesen Anruf?"< "Warum nicht?" "Erstens weiß ich nicht, wen ich anrufen muß. Und sie würden mir auch nicht glauben, wenn ich's täte. " "Dann finde einen anderen Weg, um den Hacker einzukrei- sen. " "Ja, ist gut. Ich frag ihn einfach nach seiner Adresse. " "Bleib ernst. Es könnte funktionieren. " 39. Kapitel Das FBI wirft das Handtuch. So lautete die Nachricht, die Ann Funk vom Air Force Office of Special Investigations für mich hinterlassen hatte. Am Tag zuvor hatte ich sie angerufen, und sie sagte, ihre Gruppe warte darauf, daß das FBI aktiv würde. Jetzt diese Begrüßung. Ich versuchte, Ann zurückzurufen, aber sie hatte die Luftwaffenbasis Bolling schon verlassen. Blieb nicht mehr übrig, als das FBI anzuklingeln. Die barsche Stimme im FBI-Büro von Alexandria gab sich sehr kurz angebunden. "Agent Gibbons ist gerade unabkömmlich, aber ich hab eine Nachricht für Sie", sagte der Typ in amtlichem Ton. "Ihr Fall ist abgeschlossen, und Sie sollen die Sache sein lassen. " "Wie? Wer sagt das?" "Tut mir leid, aber das wär's. Agent Gibbons ist nächste Woche wieder zurück. " "Hat Mike noch was gesagt?" fragte ich und fragte mich, ob er es mir nach Dutzenden von Gesprächen nicht zumindest selber sa- gen würde. "Ich hab Ihnen doch schon gesagt, das wär's. " Toll. Da nervt man das FBI fünf Monate lang. Verfolgt eine Ver- bindung rund um die Welt. Beweist, daß der Hacker in Militär- computer einbricht. Und genau dann, wenn man die Hilfe des FBI am meisten braucht... Pustekuchen. Ann Funk rief eine Stunde später an. "Ich habe gerade gehört, daß das FBI entschieden hat, die Sach- lage reiche zur Fortsetzung der Ermittlungen nicht aus. " "Ändern die Einbrüche in das Air Force Space Command daran was?" fragte ich. "Es ist das Systems Command/Space Division, Cliff. Merken Sie sich das, sonst bringen Sie uns durcheinander. " Aber Space Command klang doch viel besser. Wer will denn ein System kommandieren? dachte ich noch und fragte: "Und warum kümmert sich das FBI nicht darum?" Ann seufzte. "Dem FBI zufolge gibt's keine Anzeichen realer Spionage. " "Hat Mike Gibbons das gesagt?" "Glaub ich nicht", antwortete sie. "Ich hab den Tip von einem diensthabenden Offizier, der sagte, Mike sei von dem Fall abgezo- gen worden und könne nicht darüber sprechen. " "Und wer hat das dann entschieden?" bohrte ich weiter. Mike war der einzige FBI-Agent, der was von Computern verstand, mit dem ich gesprochen hatte. "Wahrscheinlich das mittlere Management des FBI", sagte Ann. "Sie fangen lieber Kidnapper als Computerhacker. " "Und was meinen Sie Ann? Sollen wir die Schotten dichtma- chen oder versuchen, den Aal zu fangen?" "Das FBI sagt, man soll die Zugangsanschlüsse des Hackers sper- ren. " "Das hab ich nicht gefragt. " "... und alle Passwörter ändern... " "Ich weiß, was das FBI sagt. Was sagt die Air Force?" "Äh, das weiß ich nicht. Wir werden später darüber sprechen und Sie zurückrufen. " "Gut, wenn uns nicht jemand bittet weiterzumachen, dann ma- chen wir eben die Schotten dicht, und der Hacker kann in euren Computern rumtoben, wie er will. Wir jagen diesen Kerl jetzt schon fünf Monate, und keine einzige Regierungsbehörde hat auch nur den kleinen Finger krumm gemacht. " Ich legte ärgerlich auf. Ein paar Minuten später rief FBI-Agent Fred Wynekin an und ließ keinen Zweifel an der Entscheidung seiner Behörde. Höchst amt- lich informierte er mich darüber, daß das FBI der Meinung sei, es gäbe keine Möglichkeit, die Auslieferung dieses Hackers zu bean- tragen, weil jener kein geheimes Material gehackt hatte. "Cliff", warb er plötzlich um Verständnis, "wenn Sie nachweisen können, daß geheimes Material betroffen ist, oder daß er bedeu- tenden Schaden an Systemen angerichtet hat, dann wird das FBI einschreiten. Nicht eher!" "Wie definieren Sie denn Schaden? Wenn jemand meine Schreib- tischschubladen durchwühlt und die Pläne für einen neuen inte- grierten Schaltkreis kopiert, ist das ein Schaden? An wen wende ich mich da?" Fred wollte nicht antworten. "Wenn Sie drauf bestehen, den Fall weiterzuverfolgen, kann das FBI gemäß der Domestic Police Co- operation Act Amtshilfe leisten. Ihr Labor sollte sich mit dem Staatsanwalt von Berkeley in Verbindung setzen und ein Verfah- ren eröffnen. Wenn Ihr Distriktsstaatsanwalt die Auslieferung des Hackers beantragt, wird das FBI dabei helfen, den entsprechen- den Papierkram zu bearbeiten. " "Wie bitte?" fragte ich aufgebracht. "Nach fünf Monaten schub- sen Sie mich WÒieder zum hiesigen Staatsanwalt zurück?" Ich konnte kaum glauben, was ich hörte. "Wenn Sie beschließen, diesen Weg einzuschlagen, Cliff, wird das FBI als Kanal zwischen Ihrer Ortspolizei und den deutschen Behörden dienen. Die Polizei des LBL wäre das Zentrum der Er- mittlungen, und es würde in Berkeley Anklage erhoben. " "Fred, das meinen Sie doch nicht ernst. Dieser Kerl ist in dreißig Computer im ganzen Land eingebrochen, und Sie erzählen mir, daß das ein auf Berkeley beschränktes Problem ist?" "Ich meine das sehr ernst", fuhr Fred fort. "Das FBI hat beschlossen, den Fall nicht an sich zu ziehen. Wenn Sie weitermachen wollen, dann lassen Sie die Sache besser von Ihrer zuständigen Polizeibehörde bearbeiten. " Keine Stunde später rief Steve White von Tymnet an. Er hatte ge- rade folgende elektronische Nachricht von der Deutschen Bun- despost bekommen. >Es ist äußerst dringend, daß die US-Behörden den deutschen Staatsanwalt kontaktieren, sonst wird die Bundespost nicht län- ger kooperieren. Wir können nicht länger ohne offizielle Bestäti- gung der Strafverfolgung tätig sein. Wir werden ohne die entspre- chenden Genehmigungen keine Telefonleitungen mehr verfol- gen. Sorgen Sie dafür, daß das FBI das BKA kontaktiert.< Oh, verflucht! Da baut man monatelang eine Kooperation zwi- schen den Behörden auf, und dann kneift das FBI. Gerade dann, wenn wir's dringendst brauchen. Nun, mir blieb keine Wahl. Wir konnten tun, was man uns gesagt hatte, dichtmachen und fünf Monate Verfolgung für die Katz ge- wesen sein lassen, oder wir konnten offen bleiben und uns eine Rüge vom FBI einhandeln. Wenn wir zumachten, hätte der Hacker volle Freiheit, in unsern Netzwerken herumzusausen, ohne daß ihn jemand beobachtete. Ein offenes System würde uns auch nicht zu dem Hacker führen, weil die Bundespost keine Fangschaltung legen würde, ohne daß das FBI das Startzeichen gab. So oder so, der Hacker hatte gewon- nen. Zeit, zum Chef zu gehen. Roy Kerth glaubte die Neuigkeit sofort. "Ich hab dem FBI noch nie so recht getraut. Wir haben den Fall praktisch für sie gelöst, und trotzdem wollen sie nicht ermitteln. " "Und was sollen wir jetzt tun?" "Wir arbeiten nicht für das FBI. Die können uns nicht sagen, was wir tun sollen. Wir bleiben offen, bis das Energieministerium uns anweist, zuzumachen. " "Soll ich das DOE anrufen?" "Überlassen Sie das mir, Cliff. Wir haben da eine Riesenarbeit reingesteckt, und sie werden das zu hören kriegen. " Roy grum- melte etwas vor sich hin - es klang nicht wie Lobpreisungen des FBI -, stand dann auf und sagte entschlossen- "Wir lassen auf ja wohl. " Aber den Hacker in Berkeley zu überwachen war eine Sache, ihn in Deutschland zu verfolgen, eine andere. Wir brauchten das FBI auch wenn die uns nicht brauchten. Und was war mit der CIA? Ich griff zum Hörer. "Hallo, hier ist Cliff. Unsere Freunde von der, äh, >F<-Einheit haben das Interesse verloren. " "Mit wem haben Sie gesprochen?" fragte Tejott. "Mit d